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Kalte Kunst

Ein eisiger Wintertag. Kalter sibirischer Sturm fegte über das Land und brachte es zum Erstarren.
Blass und verhärmt sah er aus, der kleine Mann, der durch die hohen Schneeberge stapfte, die sich an den Straßenrändern nach endlos scheinenden Schneefällen aufgetürmt hatten. Mühsam gelangte er auf die freigelegten Wege, die zu den Häusern führten. Vorsichtig klopfte er an die Haustür.
Früher ließ man ihn gern herein. Vor allem in den kargen, kleinen Häuschen erfreute man sich an seiner Kunst. Fasziniert schauten die Menschen auf seine Werke. Besonders die Kinder. Keiner sonst nämlich konnte die zarten weißen Blumen so schön zeichnen. Kleine und große Blüten in allen Formen, und niemals ähnelte ein Bild dem anderen.
Brotlos war seine Kunst mit den Jahren geworden. Man könnte auch sagen „freudlos“, denn mehr wollte er gar nicht, als den Menschen eine Freude machen.
Aber die Menschen hatten sich verändert. Sie wollten es warm und mollig in ihren Wohnungen. Da war kein Platz mehr für die eisige Kunst des Malers.
Gerade, als er traurig und enttäuscht weiterziehen wollte, zupfte ihn ein kleines Mädchen am Ärmel. Es war dick eingepackt in Mantel, Mütze und Schal. An den Handschuhen klebte pappiger Schnee, denn es hatte gemeinsam mit ihren Freunden einen Schneemann gebaut.
„Komm mit“, lockte es den Künstler. „Ich will dir etwas zeigen“.
Sie nahm ihn bei der Hand und führte ihn in den tief verschneiten Garten.
Hinter der großen Hainbuchenhecke stand das alte Gartenhäuschen. Es war eigentlich schon uralt, baufällig und sollte längst abgerissen werden.
Das Mädchen hatte große Mühe, die verzogene hölzerne Tür zu öffnen. Mit aller Kraft drückte sie dagegen, aber es gelang ihr nicht. Da aber der Maler so dünn war, reichte ihm ein winziger Spalt und schon war er durchgehuscht.
Er war so glücklich. Endlich durfte er wieder arbeiten und zeigen, was er kann. Die Fenster in dem alten Gartenhäuschen waren ideal für seine Kunst.
Am nächsten Tag wollte das Mädchen nachschauen, ob der Maler sein Werk schon vollendet hatte. Es rief ihre Freunde zu sich und gemeinsam stiefelten sie durch den Schnee zum Gartenhäuschen.
„Wow, ist das schön“ bewunderten die Kinder mit erstaunten Gesichtern das nächtliche Werk des Malers. Alle vier Fenster hatte er mit den schönsten Blumen verziert. Wenn man ganz nah an sie herantrat, konnte man sie sogar glitzern sehen.
Vier Wochen lang kamen die Kinder aus der Nachbarschaft herbei und erfreuten sich an den Eisblumen. Manchmal rieben sie ihre Nasen an den Scheiben und hauchten ihren warmen Atem, bis sich ein kleines Loch in dem Kunstwerk bildete.
Aber jede Nacht kam der Maler vorbei und pinselte es wieder zu. Nacht für Nacht, bis der Frühling kam …

© Andrea Oberdorfer

Die „kalte“ Kunst des Eisblumenmalers, Foto © Andrea Oberdorfer