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Der Faschingsschneemann

Viel los war heute im Festsaal des Gasthauses “Zur Krone”. Der dicke Schneemann, der neben der Gasthaustür stand, wunderte sich. Seltsame Gestalten zogen an ihm vorbei. Sie waren bunt gekleidet. Manche trugen Trompeten und Revolver, andere spitze Hüte und Zauberstäbe, wieder andere waren in Bettlaken gehüllt oder verbargen ihre Gesichter hinter breit grinsenden oder schaurig blickenden Masken. Seltsam.
Der Schneemann staunte. Da blieb eine Gruppe dieser bunten Kerle vor ihm stehen.
“Armer Schneemann”, sagte einer, “du siehst langweilig aus.” Er zog die lange, schwarze Indianerperücke, die er unter einem Cowboyhut trug, vom Kopf und stülpte sie über des Schneemanns Haupt.
“Von mir sollst du auch etwas haben”, tönte eine zweite Stimme und ehe sich der Schneemann versah, band ihm ein Kerl im Scheichsgewand einen Gürtel mit zwei Revolvern um den Bauch. “Die Dinger passen nicht zu mir”, erklärte der großzügige Geber und ging.
“Und ich wünsche mir, dass du lachst wie ein Clown”, rief jemand und schon trug der Schneemann eine grinsende Clownsmaske im Gesicht.
Dämlich grinsend stand er nun da und schämte sich. Zu blöd sah er aus mit dem Revolvergürtel, dem Clownsgesicht und dem Indianerskalp.
Den Leuten aber schien er zu gefallen.
“Super”, rief ein Autofahrer. Er kramte in seinem Kofferraum nach einem weißen Tuch und hängte es dem Schneemann um die Schultern. “Huhuuu!”, lachte er. “Nun bist du ein Schneegespenst.”
Ein Ritter kam des Wegs und der erschrak so sehr beim Anblick des Schneemanngespenstes, dass er seine Lanze fallen ließ und davon rannte. Huhu!
Der Schneemann schüttelte sein Haupt. Was war denn das für eine verrückte Welt?
“Cool”, rief da ein kleines Mädchen und hängte eine Handvoll bunter Luftschlangen um des Schneemanns Hals.
Währenddessen polterten drei kleine Kerle mit Zauberstäben und hohen spitzen Hüten aus dem Festsaal.
“Doof ist das hier. Die haben fast alle das gleiche Zaubererkostüm!”, maulte einer.
“Stimmt. Wie langweilig!”
Der Junge mit der maulenden Stimme nahm seinen hohen, spitzen Hut und setzte ihn dem Schneemann auf die Indianerperücke. Witzig sah das aus. Die drei Jungen lachten sich halbtot.
Da hatte der Schneemann die Nase voll von dem Theater. Er bückte sich, hob die Lanze des Ritters auf, betrat mit gezücktem Revolver in der rechten und der Ritterlanze in der linken Hand den Tanzsaal und stapfte auf die Bühne zu.
“Huch! Was ist denn das?”, schrie einer.
Die tanzenden bunten Gestalten starrten erschrocken auf den grimmigen Schneemann. Da verstummte auch die Musik. Totenstill war es im Saal geworden, doch als sich der Schneemann gerade auf der Bühne aufgebaut hatte, rief eine Kinderstimme fröhlich:
“DAS IST DAS ALLERSCHÖNSTE FASCHINGSKOSTÜM! Hurraaa!”
“Hurra!”, riefen alle im Saal und ehe sich der Schneemann versah, hängte man ihm eine schwere Kette voller goldener Orden um den Hals und sagte, er sei nun der Sieger.
Sieger? Von was? Von wo? Warum? Blödsinn!
Dem Schneemann war warm geworden und er hatte nur einen Wunsch: Rrrrraus! Er musste raus an die frische Luft. Er bahnte sich einen Weg durch die Menge und warf den Leuten all das blöde Zeugs, das man ihm um den Körper gehängt hatte, zu. Nur die Ordenkette behielt er um den Hals. Sie war zu schwer und er konnte sie nicht von sich reißen.
Und während die Leute noch immer stumm diesem seltsamen Faschingsnarr hinterher blickten, hatte sich der Schneemann längst wieder an seinen Platz neben der Gasthaustür gestellt. Er war etwas schlanker geworden in der letzten halben Stunde, doch wen wundert´s?

© Elke Bräunling

Diese Geschichte findest du in dem neuen Buch: Omas Wintergeschichten


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