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Wie der Schneekönig ein Zaunkönig wurde


Zaunkönig am eisigen Bach im Winterwald, Foto Andrea Oberdorfer

Kalt war es geworden. Bitterkalt. Der Winter wusste, dass er bald seinen Rückzug antreten musste, aber er wollte sich noch nicht geschlagen geben.
Heimlich holte er sich von der himmlischen Eisdiele riesige Portionen Eis. In Tüten, in Bechern, und als das alles noch nicht genug war, sorgte er für reichlich Nachschub aus dem Norden.
So kam es, dass auf der Erde die Seen, Flüsse und sogar die kleinen Bäche langsam zufroren. Es war beinahe so, als würde ringsherum alles Leben erstarren.
Paul und Max waren Freunde, seit sie die Schule besuchten. Dort hatten sie sich kennen gelernt, und seither unternahmen sie sehr viel zusammen. Wie alle Jungen liebten auch sie das Abenteuer. Wann immer die Möglichkeit bestand, gingen sie zusammen im nahe gelegenen Wald auf Entdeckungsreise.
So auch an diesem unwirtlichen Tag, an dem jeder Mensch, ob alt oder jung, am liebsten zuhause geblieben wäre. Aber Paul war zu neugierig, denn Max hatte behauptet, dass sich nun kein einziges Tier mehr zeigen würde. Nichtmal am Bächlein, in dem sich sonst eine muntere Schar von Vögeln trifft.
Das wollte Paul genauer wissen, und Max hatte nicht viel zu erwidern; er musste mit, ob er nun wollte oder nicht.
Schon nach wenigen Schritten begannen den Beiden die Finger und das Gesicht zu frieren, so eisig war der Wind, der ihnen entgegen blies. Schnell fand sich Max im Recht mit seiner Behauptung. Das Bächlein plätscherte und dampfte zwischen Eisgebilden, die das Wasser am Ufer gezaubert hatte. Da konnte es kein Leben mehr geben.
Aber was war das? Paul und Max staunten nicht schlecht, als sie ein winzig kleines Vögelchen am Ufer unterhalb einer vereisten Baumwurzel auf einem Schneerest hüpfen sahen. Sie rieben ihre Augen, aber das Vögelchen verschwand nicht.
„Das muss ein Zaunkönig sein“, überlegte Max. In seinem Naturbuch hatte er oft genug die Arten studiert. „Nur ein Zaunkönig ist so klein, da bin ich mir sicher“ klärte er seinen Freund voller Eifer auf.
Aber Paul wollte ihm nicht zustimmen. „Nein, das ist eindeutig ein Schneekönig“ versuchte er, seinen Freund zu berichtigen. „Es liegt doch auf der Hand … ein Vögelchen im Schnee, das kann nur ein Schneekönig sein.“
So ging es noch eine Weile hin und her und jeder beharrte auf seine Meinung.
Bei dem aufgeregten Wortwechsel hatten sie fast vergessen, wie kalt es war und dass es an der Zeit war, zurück in die warme Wohnung zu gehen. Erst, als ihre Nasen schon ganz rot waren und die Füße vor Kälte schmerzten, liefen sie schnell zurück.
Zuhause erfuhren sie dann auch, wer nun Recht hatte, denn der Vater von Paul wusste es ganz genau. Es waren beide Kinder, Max und Paul, denn weil der kleine Zaunkönig auch im Winter singt, nannte man ihn früher ‚Schneekönig‘.
Da freuten sich die beiden Freunde wie Schneekönige. Nicht nur, weil jeder Recht hatte, sondern auch, weil sie wieder etwas gelernt hatten.

© Die Waldameise – Andrea Oberdorfer

„Schneekönig“ Zaunkönig, Foto © Andrea Oberdorfer