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Leise rieselt der Schnee … – Ein Lied geht um

„Leise rieselt der Schnee…“, dudelt es im Supermarkt, als Frau Fröhlich ihre Frühstücksbrötchen kauft.
Weil Frau Fröhlich an diesem Morgen so gut gelaunt ist, singt sie auf dem Heimweg „Leise rieselt der Schnee…“ vor sich hin.
Die Leute auf der Straße blicken sie griesgrämig und morgenmuffig an.
„So ein Blödsinn am frühen Morgen!“, brummt Herr Sauerbart und eilt weiter.
Das Lied aber macht einen Hüpfer aus Frau Fröhlichs Kehle und landet auf der Brummelzunge von Herrn Sauerbart.
„Leise rieselt der Schnee…“ singt es dort fröhlich weiter.
Herr Sauerbart schüttelt verwundert den Kopf, aber er kann nicht anders als weiter singen.
„Sie träumen wohl?“, murrt Fräulein Dürr. „Wer singt heutzutage noch Weihnachtslieder?“
Die anderen Leute auf der Rolltreppe, Frau Dorsch, Herr Werner, Oma Baumann, Nora und Daniel, nicken.
Ja, wer singt heute noch Weihnachtslieder – noch dazu mitten am helllichten Tage?
„Es schneit ja nicht mal“, kichert Nora.
Herr Sauerbart ist beleidigt. Eilig geht er seines Weges.
Fräulein Dürr, Frau Dorsch, Herr Werner, Oma Baumann, Nora und Daniel sehen ihm erstaunt nach. Das Lied aber kichert leise vor sich hin und schickt jedem seinen kleinen morgendlichen Weihnachtsgruß hinterher.
Wie? Ganz einfach:
„Leise rieselt der Schnee…“ trällert Oma Baumann, als sie wenig später das Wartezimmer von Doktor Klug betritt. Die Leute im Wartezimmer lachen, doch als sie die Praxis wieder verlassen, können sie nicht anders als auch „Leise rieselt der Schnee…“ vor sich hin zu singen.
Ähnlich ergeht es auch Frau Dorsch im Bus, Fräulein Dürr im Büro und Herrn Werner in der Fabrik, und jeder, der ihnen begegnet, stimmt mit ein.
Singend kommt auch Daniel in der Schule an. „Hihi“, spotten seine Klassenkameraden. „Daniel singt ein Weihnachtslied!“ Sie lachen und johlen und fangen an „Leise rieselt der Schnee…“ zu singen.
Auch Nora singt im Kindergarten das Lied. „Schön“, sagen die anderen Kinder. „Und sie üben den ganzen Vormittag das Lied.“
Als Frau Fröhlich später durch die Stadt schlendert, hört sie überall das „Leise rieselt der Schnee…“, das ihr am Morgen von der Zunge gehüpft ist. Es tönt aus allen Ecken, in Geschäften und Häusern, in den Straßen und im Bus, und bis zum Abend hat fast jeder in der Stadt das Lied ein paar Mal gesungen. Ja, und jeder hat immer wieder – heimlich und verstohlen – am Himmel nach Schneewolken Ausschau gehalten. Wie schön wäre es, wenn er käme, der Schnee, jetzt in der Weihnachtszeit. Still und leise, so wie das Lied in die Kehlen der Menschen gekommen ist.

© Elke Bräunling

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Buch: Hör mal, Oma! Ich erzähle Dir eine Geschichte vom Winter: Wintergeschichten
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