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Frau Engel, ein Engel?

Sina war mit Mama in der Stadt und drückte sich ihr Näschen an den Schaufensterscheiben platt. Was es da alles gab, Sina konnte sich nicht satt sehen.

Am besten gefiel ihr der dicke Elefant, der bei Schürmanns im Schaufenster saß und so lieb lächelte.
„Mama, schau mal, ist der nicht toll?“

Sina stupste ihr Mama an, die sich gerade mit einer Dame unterhielt, die sie zufällig getroffen hatten. Sina kannte sie nicht. Sie hatte auch gar nicht mitbekommen, um was es in dem Gespräch ging. Sie war zu sehr mit dem Elefanten beschäftigt.
„Moment noch, Sina. Schau noch ein bisschen, ich würde gern einen Augenblick mit Frau Engel reden.“ Dann wandte sie sich wieder der fremden Dame zu.
„Frau Engel?“, dachte Sina „Das ist ja spannend, ob sie ein richtiger Engel ist?“ Wenn das so wäre, dann könnte sie dabei helfen, dass das Christkind den Elefanten zu Sina nach Hause brachte. Aber wie sollte sie das anstellen.
Mama hatte gesagt, dass Kinder nicht reinreden sollen, wenn sich Erwachsene unterhalten. Das tat Sina trotzdem oft, aber heute traute sie sich nicht. Möglicherweise würde das alles verderben und die Engelfrau wäre sauer.
Sina musste sich was anderes ausdenken, sie kaute ein wenig auf dem rechten Daumennagel herum, das half beim Nachdenken. Auch diesmal, Sina hatte einen Plan.
Sie stellte sich wieder ganz nah an die Schaufensterscheibe und blinzelte dem Elefanten zu.
„Ich werde dich bekommen, ganz sicher. Warte mal ab.“ Dann begann sie herzzerreißend zu schluchzen. Sofort war die Mutter an ihrer Seite.
„Was ist denn los, Sinalein. Hast du dir wehgetan?“
Sina schüttelte den Kopf und über ihre Wangen liefen richtige Tränen. Das ging ganz leicht, man musste nur an etwas furchtbar Trauriges denken, dann klappte es.
Mama war nun echt besorgt und Frau Engel schaute ratlos aus der Wäsche.
„Es ist so schrecklich, Mama!“, heulte Sina und wischte sich die Nase mit dem Anorakärmel ab.
„Was ist denn nur so schrecklich, meine Kleine?“, fragte nun auch Frau Engel und beugte sich zu Sina hinunter.
„Er hat es mir gerade gesagt und ich kann ihm doch gar nicht helfen.“
„Wer hat was gesagt und wem kannst du nicht helfen?“, fragte Sinas Mutter.
„Na, der Elefant da, er heißt Michel und er ist schrecklich unglücklich, weil schon bald wieder Mitternacht ist und dann geht es los.“
Ein Lächeln huschte über Mamas Gesicht. Jetzt kam wieder eine von Sinas Geschichten. Doch Frau Engel hörte interessiert zu.
„Was ist denn um Mitternacht?“
„Da werden die Spielzeuge lebendig, weißt du das denn nicht, Frau Engel?“, fragte Sina.
Frau Engel wusste davon nichts, das sagte sie jedenfalls und Sina erzählte weiter.
„Also, um Mitternacht werden alle Spielzeuge für eine Stunde lebendig und dann ärgern sie den Elefanten immer und der ist am Fuß verletzt und er kann nicht weglaufen und das macht ihn so traurig. Ich habe ihm versprochen, dass ich ihn bald zu mir nach Hause wünsche. Da soll er es gut haben und ich will immer für ihn sorgen und …“
Frau Engel hob Sina zu sich hoch und strich ihr übers Haar.
„Frau Müller, Ihre Tochter ist ja wirklich goldig“, stellte sie fest und Mama freute sich. Frau Engel war nämlich ihre Chefin und gerade letzte Woche hatte Mama um ein paar Tage Urlaub vor Weihnachten gebeten, die Frau Engel aber nicht genehmigt hatte.
„Wenn ich es mir so recht überlege, dann denke ich, dass sie den Urlaub doch bekommen sollten. Aber was machen wir nun mit dem Elefanten, damit er nicht wieder geärgert wird?“, fragte die Engelfrau. Dann flüsterte sie Mama etwas ins Ohr und verabschiedete sich.
„Sina, ich werde mal mit dem Chef da drinnen reden, er muss sich was einfallen lassen, damit dein Michel nicht so viel Angst haben muss. Vielleicht kann ich ihn auch adoptieren. Würdest du dann gelegentlich auf ihn aufpassen? Weißt du, ich habe wenig Zeit.“
Sina nickte begeistert.
„Klar, das mache ich auf jeden Fall. Danke Frau Engel, vielen Dank.“
Frau Engel setzte Sina wieder auf dem Bordstein ab und verabschiedete sich schnell, dann verschwand sie im Kaufhaus Schürmann.
„Und wir gehen jetzt nach Hause, du kleiner Eulenspiegel.“, sagte Mama und auf dem Heimweg musste sie dann die Geschichte vom Till Eulenspiegel erzählen, der den Leuten immer gern einen Bären aufband und sie anschwindelte.
„Ich habe aber gar nicht geschwindelt, ich wollte doch nur den Elefanten retten.“, grinste Sina und hoffte insgeheim, dass Frau Engel so wenig Zeit haben würde, dass Elefant Michel ganz oft bei ihr sein könnte.
„Weißt du was ich glaube, Mama?“
„Nein, Sina, aber du wirst es mir sicher gleich sagen.“
„Mama, ich glaube, dass die Frau Engel ein richtiger Engel ist.“
„Ja, das glaube ich auch“, sagte Mama und drückte Sina einen dicken Kuss auf die Wange.

 

Am heiligen Abend bekamen die Müllers Besuch von Frau Engel, die brachte den Elefanten vorbei und bat Sina darum, ihn bei sich wohnen zu lassen. Sie selbst habe wirklich gar keine Zeit und außerdem wollte sie zum Skilaufen nach Österreich fahren.
„Er kann so lange bleiben wie er will“, versprach Sina und umarmte Frau Engel.
„Und grüß die anderen von mir“ flüsterte ihr Sina ins Ohr.
„Mache ich gern“, sagte Frau Engel.
Sie musste gar nicht fragen, wen Sina denn meinte. Engel wissen eben alles.

 

 

(c) Regina Meier zu Verl