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Der kleine Regentropfen und die Perle aus Eis

Der kleine Regentropfen war traurig. So viele Tage hatte er damit verbracht, auf die Erde hinab zu regnen und sogleich wieder von der Sonne aufgesogen zu werden! Von der Welt der Menschen aber hatte er fast nichts gesehen. Er kannte nur das Dunkel der Regenwolke und die kurzen Ausflüge durch die Luft. Im Frühling. Im Sommer. Im Herbst. Nun stand der Winter vor der Tür und der kleine Regentropfen war müde.
Traurig saß er in der dicken Wolke saß und weinte. Er konnte gar nicht mehr aufhören damit.
„Einmal nur möchte ich die Menschen kennen lernen und etwas von der Welt sehen“, erklärte er seinen Regentropfenkollegen. „Und einmal …“
Er kam nicht weiter, denn die Wolke öffnete wieder ihre Arme und schickte die Tropfen erneut zum Regnen hinaus.
„Dieses Mal“, nahm sich der kleine Regentropfen vor, „werde ich mich vor der Sonne verstecken. Sie darf mich nicht gleich wieder zur Wolke zurückschicken.“
Und damit ihm dies nun wirklich nicht passierte, floh er nicht wie sonst vor den prustenden Atemzügen des Windes. Der aber pustete heute besonders heftig und kalt.
Der kleine Regentropfen zitterte, denn ihm war auf einmal schrecklich kalt.
„Hilfe!“, rief er. „Ich erfriere. Halt ein, Wind, hörst du?“
Der Wind lachte und pustete noch einige Male auf den Regentropfen ein.
„Hi-i-ilfe!“, schrie der wieder. „Ich erfrie-ie-ie-re!“
Zu spät. Die Kälte der Luft hatte ihn in ein kleines Eisperlchen verzaubert und als Eisperlchen landete er nun auf der Erde mitten in der Blüte einer weißen Blume.
Was für ein Schreck! Der kleine Regentropfen war sehr verwirrt.
„I-i-ich friere!“, wimmerte er und wollte wieder weinen. Nun nämlich war er nicht nur traurig, nein, ihm war auch kalt.
„Schaut nur!“, hörte er auf einmal eine Menschenstimme rufen. „Unsere Christrose hat eine Perlenbrosche bekommen. Oh, wie schön sie funkelt!“
Der kleine Regentropfen hörte weitere Menschenstimmen. Sie klangen fröhlich.
„Was für ein wunderschönes Wintergeschenk!“, sagte jemand.
Wintergeschenk? Christrose? Perlenbrosche? Funkeln?
Jetzt spürte der kleine Regentropfen die Kälte nicht mehr, so sehr freute er sich.
„Sie meinen mich, den kleinen Regentropfen. Oder das Eisperlchen, zu dem der Winterwind mich verwandelt hat.“
Er lächelte. Viel hatte er nun schon von der Menschenwelt gesehen und erfahren. Wie aufregend das war! Und er schmiegte sich vor Freude noch ein Stück tiefer in den Blütenkelch und funkelte auch noch ein bisschen mehr. Damit auch sie, die Menschen, sich freuten.

© Elke Bräunling

aus:

Buch: Hör mal, Oma! Ich erzähle Dir eine Geschichte vom Winter: Wintergeschichten
Ebook: Hör mal, Oma! Ich erzähle Dir eine Geschichte vom Winter
– Information –

Geschichten vom Regentropfen und vom Sonnenstrahl

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