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Der lange und der kurze Eiszapfen

Es war einmal ein Eiszapfen, der so unzählig viele kleinen Eiszacken hatte, dass er wie ein wundervoller Eiszapfenblumenstrauß aussah. Lange hatte es gedauert, bis er so toll gewachsen war. Und nun hing er glitzernd und prachtvoll von der Dachrinne herab. Er war mächtig stolz und rief jedem, der an ihm vorbei ging, zu:
„Ich bin der schönste Eiszapfen auf der Welt!“
„Bist du nicht“, tönte der ebenso schöne Eiszapfen vom Dach des Nachbarhauses herüber. „Meine Zacken sind viel länger.“
Das stimmte. Der kleine Eiszapfen war nicht mehr ganz so stolz und jeden Tag linste er neidvoll zum Nachbarhaus hinüber.
Eines Tages brach die Sonne durch die Winterwolkendecke.
Die beiden Eiszapfen staunten. Was für ein Wundergeschöpf! Noch nie hatten sie so etwas Schönes gesehen.
„Du Schöne“, riefen sie erfreut. „Komm her und streichle uns!“
Die Sonne freute sich über die Schmeicheleien und lenkte einen ihrer Strahlen zu den Eiszapfen hinüber.
Was aber war das? Sie streichelte nur das Dach des Nachbarhauses und der lange Eiszapfen glitzerte und funkelte wunderhell im Winterlicht.
„Siehst du“, rief er. „Ich bin wirklich der schönste Eiszapfen auf der Welt!“ Er lachte laut auf. „Du hast Pech, mein Freund. Du hängst an der Nordseite deines Daches. Nie wird sie zu dir kommen, die Sonne, die wunderschöne.“
Und lockend umschmeichelte er die Sonne mehr und mehr.
Die tat ihr Bestes. Mit aller Kraft strahlte sie auf den prächtig langen Eiszapfen.
Dem wurde dabei warm und wärmer ums Herz, dass er meinte, vor Freude zu zerfließen-ßen-ßen-en-n-n-n. Und so – tropf, tropf, tropf – schmolz er dahin und war verschwunden.
Der kurze Eiszapfen, der dieses Schauspiel beobachtet hatte, wunderte sich zuerst. Dann musste er grinsen.
„Die letzten werden die ersten sein“, lachte er zum Dach des Nachbarhauses hinüber. Und wie er lachte! Fröhlich und laut. „Hahahaha!“

© Elke Bräunling


Lange und kurze Eiszapfen Foto © Marion Pieper