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Friede allen Menschen

„Friede, Friede allen Menschen, Friede allen auf der Welt …“
Laut tönte das Lied durchs Haus. Peter Meyer übte Klavier für das Adventsspiel in der Schule. Es klang schauderhaft. Beim zweiten ‚Friede‘ nämlich, dem ‚Friede allen Menschen‘, stimmten die Töne nicht. Falsch klangen sie und schrill.
‚Frie-ie-iede!!!‘ Oh! Das tat weh. Eiskalt rieselte es einem den Rücken hinunter. Dieser Friede! Schrecklich. Und Peter übte und übte.
Die Mitbewohner begannen, diesen Frieden zu hassen.
„Friede, Friede allen Menschen …“, tönte es von oben.
„Ausgerechnet Friede“, murrte der olle Herr Hüter. „Hier im Haus sind doch fast alle miteinander verkracht!“
„Eine Zumutung!“, keifte Frau Nobel. „Das passt zu denen da oben.“
„Olle Schnalle!“, grinste Bernd. „Sie haben immer etwas zu meckern.“
Frau Nobels Stimme schwoll an. „Sie! Sie! Gehen Sie erst einmal zu einem ordentlichen Friseur. Und überhaupt: Leute wie Sie, die …“
Frau Nobel zeterte so laut, dass weitere Hausbewohner neugierig in den Flur kamen.
„Was ist denn hier los?“
„Dieser Mensch hat mich beleidigt“, schrie Frau Nobel.
„Beleidigt?“, fragte Frau Bock interessiert.
„Er hat ‚olle Schnalle‘ zu ihr gesagt“, erklärte Herr Hüter.
Einige Nachbarn konnten sich ein Grinsen nicht verkneifen.
„Hat er nicht so unrecht“, brummte einer verstohlen.
Frau Nobel sah auf. „Wer hat das gesagt? Anzeigen werde ich Sie!“
„Nun machen Sie mal halblang!“
„Giftspritze!“
„Gibt es in diesem Haus denn nie Frieden?“
Die Stimmen überschlugen sich. Und oben übte Peter sein „Friede allen Menschen …!“ Wie Hohn hallte das Lied durch das Haus.
Und das alles wegen des falschen Friedens da oben“, grinste Bernd.
Des falschen Friedens? Alle schwiegen und lauschten.
„Jetzt“, heulte Frau Hering schon im voraus. „Jetzt gleich!“
„Frie…ie..ide…“, schrillte es durch das Treppenhaus, und alle zuckten zusammen. Es klang wirklich sehr falsch.
„Man sollte sich beschweren!“, sagte einer. Und in seltener Eintracht führten die Hausbewohner ein Telefonat mit Frau Keller, der Hausbesitzerin, die wenig später am ‚Tatort‘ eintraf. Ha! Nun würden die Meyers ihr blaues Wunder erleben! Frau Keller war nämlich gefürchtet wie ein böser Geist. Und wie ein böser Geist blickte sie jetzt auch drein, während sie dem Klavierspiel lauschte.
„Friede, Friede allen Menschen, Friede allen auf der Welt …“
„Frie-ie-de…“ Die Hausbewohner erschauerten.
Frau Keller nickte. „Es stimmt“, sagte sie mit scharfer Stimme. „Dieser Friede ist falsch.“ Ohne ein weiteres Wort läutete sie an der Wohnungstür der Meyers.
Die Mitbewohner rieben sich die Hände vor Vergnügen. Jetzt, ja, jetzt hatte der falsche Friede ein Ende.
„Der Friede ist falsch“, hörten sie auch schon Frau Kellers Stimme knurren. Dann war es für eine Weile still.
„Friede, Friede allen Menschen…“ tönte es dann aber wieder durchs Haus. Fehlerfrei und wunderschön. Wie anders dieses Lied auf einmal klang! So friedvoll und sanft. Neugierig betraten die Hausbewohner die Wohnung der Meyers. Da saß Frau Keller am Klavier und spielte. Ihr sonst so hartes Gesicht war ganz weich, ja, fast schön.
„Friede allen Menschen …“

© Elke Bräunling