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Das Festgewand

„Ich habe nichts anzuziehen. Nein. Da ist kein Festgewand, das passt.“
Die Frau stand vor dem Kleiderschrank und schob die Kleiderbügel auf der Stange hin und her. Immer wieder schüttelte sie dabei den Kopf.
„Ungeeignet“, sagte sie. „Sie sind alle ungeeignet.“
Der Mann, der im Sessel fläzte und ihr zusah, schmunzelte.
„Nichts anzuziehen hast du?“, sagte er. „Ha! Das sagst du immer. Und doch findest du im letzten Moment noch das Passende. Und du sahst immer sehr schick aus, wenn …“
„Aber zu diesem speziellen Anlass hält mein Kleiderschrank keine Garderobe bereit.“
„Dann musst du improvisieren.“ Der Mann klopfte sich auf seinen stattlichen Bauch. „Improvisieren, das müssen wir alle immer wieder einmal. Außerdem: es ist ja nur für einen Abend.“
Sie schimpfte leise, wühlte sich nochmals durch den Kleiderschrank, dann schüttelte sie den Kopf.
„Nein. So geht das nicht. Aber …“ Ein Lächeln stahl sich auf ihre Lippen. „Aber ich habe eine Idee!“
Sie verließ den Raum, überquerte den Flur und betrat das Zimmer des Mannes, wo sie sich an dessen Kleiderschrank zu schaffen machte.
„Wunderbar!“, rief sie wenig später. „Es passt zwar nicht perfekt, ist zu groß und zu weit, besonders am Bauch. Du solltest endlich abnehmen! Aber egal. Für den einen Anlass genügt es. Sag, wie gefalle ich dir in meinem neuen Festkleid?“
Sie kam zurück, posierte vor ihm.
„Halt! Nein!“ Trotz seiner Leibesfülle sprang der Mann erstaunlich schnell auf. „Das ist mein Gewand. Ich brauche es morgen. Ganz dringend sogar.“
„Das“, erwiderte sie spitz, „ist nun dein Problem. Du solltest … improvisieren!“
Sie grinste, und er stieß einen leisen Fluch aus.
Warum hatte er sich auch so unsensibel ausgedrückt? Reden ist Silber …
Wenig später sah man den Mann aufgewühlt und mit schlechtem Gewissen durch die Straßen hasten. Von einem Modegeschäft zum anderen eilte er. Endlich wurde er fündig und kaufte ihr das gewünschte Kleid. Sie sollte sich darin wohl fühlen und schön. Er kaufte wahllos, sparte auch nicht an teuren Accessoires. Egal. Es musste nur passen … und es musste rot sein.
„Gut gemacht, lieber Cousin“, sagte die Frau später, als sie im Spiegel ihr neues Outfit betrachtete. „Gefalle ich dir?“
„Schick. Todschick sogar.“ Er grinste.
„Fein“, rief sie gut gelaunt. „Dann kann es losgehen. Oh, ich freue mich so sehr darauf, dich dieses Mal als deine Frau begleiten zu dürfen.“
Sie eilte aus dem Haus, schwang sich auf den Kutschbock des Rentierschlittens und ergriff die Zügel.
„Halt!“, wollte der Weihnachtsmann rufen. „Das ist mein Platz!“
Doch dieses Mal schwieg er lieber.

© Elke Bräunling