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Das Weihnachtsglöckchen

Jedes Jahr im Dezember fällt unsere wöchentliche Strickrunde aus. Wir drei, Moni, Kathrin und ich treffen uns dann zur gewohnten Zeit am Mittwochnachmittag und trennen uns gleich wieder, da jede von uns einen Besuch bei einem alleinstehenden Menschen macht.
Ich besuche Herrn Winkler nun schon zum dritten Mal im diesem Advent. Ich habe ihn erst in diesem Jahr kennen gelernt, doch wir sind schon sehr vertraut miteinander. Beim ersten Besuch war er noch ein wenig misstrauisch. Dann hat er aber gemerkt, dass ich ihn wirklich nur besuchen möchte, um ihm eine Freude zu machen.
„Es ist schön, dass sie einen einsamen alten Mann besuchen. Ich habe mich schon so auf heute gefreut!“, sagt er, als er mir die Tür öffnet.
„Guten Tag, Herr Winkler, ich freue mich auch, Sie wohlauf zu sehen. Alles in Ordnung soweit?“, begrüße ich ihn und folge ihm in seine Stube.
„Ich bin zufrieden und es nützt ja auch nichts, sich zu beklagen. Davon wird es nicht besser.“
Herr Winkler lässt sich in seinen Sessel fallen und deutet mit der Hand auf den zweiten Sessel. „Nehmen Sie Platz!“
Ich stelle meinen Korb auf den Tisch und packe aus. Kaffee habe ich mitgebracht und Weihnachtsplätzchen, die ich mit den Enkelkindern gebacken habe. Wir haben eine Extraportion für Herrn Winkler in eine große, bunte Dose gepackt.
„Darf ich mir zwei Tassen und Teller aus der Küche holen?“, frage ich. „Ich habe uns Kaffee mitgebracht und was Leckeres zum Naschen.“
„Nehmen Sie das gute Porzellan. Es steht dort im Wohnzimmerschrank. Allerdings habe ich es nicht mehr benutzt, seit meine Frau verstorben ist. Vielleicht ist es verstaubt.“
In den Augen des alten Mannes schimmern Tränen. Sicher vermisst er seine Frau sehr, es ist nicht leicht, allein zu sein. Ich schlucke, um nicht mitzuweinen, öffne den Schrank und finde ein wunderbares Kaffeeservice, feines weißes Porzellan mit Goldrand. Vorsichtig trage ich zwei Gedecke in die Küche und spüle sie mit heißem Wasser ab. Die Küche ist in die Jahre gekommen, aber blitzsauber.
Zwischen den beiden Sesseln steht ein runder Tisch, auf dem ich eine Weihnachtsdecke ausbreite und für uns eindecke. Aus meinem Korb zaubere ich noch eine Kerze und etwas Tannengrün.
„Die Plätzchen sehen lecker aus, sind aber viel zu schade zum Naschen. Hier, diese herrlichen Bäumchen und Glocken, bezaubernd!“, lobt Herr Winkler die Kreationen meiner Enkelkinder.
„Tina und Tim haben sie gebacken und ich soll Ihnen auch einen schönen Gruß ausrichten. Die beiden würden Sie gern mal kennenlernen. Darf ich sie beim nächsten Besuch mitbringen?“
„Damit machen Sie mir eine große Freude! Kommen Sie denn nächste Woche noch einmal zu mir? Es ist ja der Tag vor Heiligabend, da haben Sie doch sicher viel zu tun!“, fragt Herr Winkler besorgt.
„Aber sicher komme ich. Wissen Sie, seit ich nicht mehr arbeite und die Kinder aus dem Haus sind, habe ich jede Menge Zeit und ich bin froh, dass ich Ihnen eine Freude machen kann.“
„Das ist nicht selbstverständlich, ich weiß das zu schätzen. Meine Kinder wohnen so weit von hier, die können nicht oft kommen, aber zu Weihnachten werden sie hier bei mir sein. Ich hoffe, dass nicht wieder etwas dazwischen kommt. Im letzten Jahr hatten wir ja Schnee und Eis und sie sind lieber zu Hause geblieben. Das habe ich verstanden, aber traurig war ich doch. Es ist nicht schön, zu Weihnachten allein zu sein.“
Wir verbringen zwei schöne Stunden miteinander, plaudern über alte Zeiten und erzählen uns gegenseitig, wie das Weihnachtsfest in unserer Kindheit war. Besonders gerührt hat mich, als Herr Winter aufstand und ein kleines silbernes Glöckchen aus dem Schrank holte.
„Das ist die Glocke, die in meiner Kindheit am Weihnachtsbaum hing. Das Wohnzimmer war in den Tagen vor dem Fest immer abgeschlossen und am Heiligen Abend durfte ich erst das Zimmer betreten, wenn das Glöckchen gebimmelt hatte. Ganz still musste ich sein, um das feine Läuten hören zu können. ‚Jetzt verlässt das Chriskind die Stube’, sagte meine Mutter dann und schloss die Türe auf.“
„Wie schön ist das! Haben Sie das Christkind jemals gesehen?“, frage ich verschmitzt.
„Gesehen habe ich es nicht – aber gespürt, mein ganzes Leben lang!“

© Regina Meier zu Verl