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Das Weihnachtslächeln im Bus

Es war ein trüber Tag kurz vor Weihnachten. Das schmuddelig nasse Wetter entsprach der Stimmung der Menschen, die mit verschlossenen, bleichen Gesichtern durch die Straßen hasteten. Nirgends war eine Spur von weihnachtlich feierlicher Vorfreude zu sehen. Alles war trist und grau. Selbst die weihnachtlichen Glitzer-Lichtketten und Tannenbäume verbreiteten nur ein zaghaft düsteres Licht.
Zaghaft düster waren auch die Mienen der Fahrgäste des Stadtbusses, als die nächste Haltestelle in Sicht kam. Der Bus stoppte und ein alter Mann stieg ein. Er war nachlässig gekleidet, über der Schulter trug er einen zerschlissenen Jutesack. Er sah aus wie ein Landstreicher, aber irgendwie schien er es doch nicht zu sein.
„Ich habe kein Fahrgeld und ich brauche auch keines. Ich bin der Weihnachtsmann!“, verkündete er
Einige Mitreisende kicherten. Der Busfahrer, ein strenger, humorlos wirkender Mitvierziger, starrte den Fremden an. Eine Minute, zwei … Dann überzog ein Lächeln sein sonst so ernstes Gesicht. Er stand auf und verbeugte sich vor dem alten Mann:
„Im Namen aller Fahrgäste heiße ich Sie, lieber Weihnachtsmann, herzlich Willkommen und wünsche Ihnen eine angenehme Fahrt.“
Dann setzte er sich wieder ans Steuer.
Langsam zockelte der Bus aus der Stadt. Die Fahrgäste musterten den Fremden.
Der saß still auf seinem Platz, den Sack neben sich auf dem Sitz, und blickte aus dem Fenster. Er lächelte. Nichts Wunderbares, Außergewöhnliches haftete ihm an. Und dennoch glaubten die Mitreisenden auf einmal, weihnachtliche Musik zu vernehmen. Leise, zart und wunderschön. Und wie durch ein Wunder konnten sie sich plötzlich auf die feierliche Zeit der weihnachtlichen Vorfreude freuen. Ein verträumtes Lächeln lag auf ihren Gesichtern.
Wie verzaubert blickten die Fahrgäste wieder zu dem fremden alten Mann hinüber. Er war verschwunden. Auf dem Sitz stand – einsam und schäbig – ein geflickter Jutesack.

© Elke Bräunling