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Engelorchester

Irmchen Sander hatte sich in diesem Jahr etwas ganz Besonderes ausgedacht, um die Weihnachtsfeier zu gestalten.
Das Klassenorchester der Sechsten würde Weihnachtslieder in Engelsgewändern vortragen. Es waren einige recht talentierte Kinder dabei und Benjamin sollte auf seiner Violine das Solo spielen, wenn das Stück „Hört der Engel helle Lieder“ vorgetragen wurde.
Einige Schüler zierten sich zunächst ein bisschen, sie fanden es bescheuert, als Engelchen auf der Bühne zu stehen, wo doch die ganze Familienbande im Publikum saß.
Aber Irmchen setzte sich wieder einmal durch, wenn sie was wollte, dann kriegte sie das hin.

Die Schüler der zwölften Klasse hatten die Gewänder geschneidert und waren mächtig stolz auf ihre Werke. Bei der Generalprobe saßen dann zweiundzwanzig Engel auf der Bühne. Irmchen Sander war entzückt.
Musikalisch gab es an der ein- oder anderen Stelle zwar noch ein paar Ungereimtheiten, aber eine Generalprobe musste schief gehen, sonst klappte die Aufführung später nicht. Die Lehrerin war seit über zwanzig Jahren an der Schule und kannte sich bestens aus.

Am Abend der Weihnachtsfeier war der Festsaal bis auf den letzten Platz besetzt. Das Orchester nahm die Plätze ein. Irmchen Sander stimmt noch einmal die Instrumente durch, dann öffnete sich der Vorhang.
Zunächst begrüßte der Schulleiter die Gäste und wünschte allen einen besinnlichen Abend. Dann trug Melanie ein Gedicht vor, bei dem sie sich nicht ein einziges Mal verhaspelte.
Irmchen Sander hatte ihre Position vor dem Orchester bereits bezogen und hob jetzt die Arme. Eins, zwei, drei, vier … zählte sie mit leiser Stimme an und es erklangen die ersten Takte von „Alle Jahre wieder“, vierstimmig, in F-Dur.
Tobi verhedderte sich in seinem Überschwang mit dem Geigenbogen in den Flügeln seines Vordermannes, aber sonst ging alles glatt. Das Publikum klatschte begeistert.

„Gleich biste dran“, flüsterte Bine dem Benjamin zu, der im nächsten Stück aufstehen sollte und ganz vorn auf der Bühne das Solo spielen musste.
„Geht aber nicht“, flüsterte Benjamin zurück und verzog schmerzverzerrt das Gesicht.
„Ich kann nicht aufstehen.“
„Pst“, machte Irmchen und warf Benjamin einen drohenden Blick zu.
„Warum kannst du nicht aufstehen?“, wollte Bine wissen, der es Leid tat, dass Benni schon kreidebleich war.
„Ich muss mal …“, wisperte der und kniff verzweifelt die Knie zusammen.

„Beim nächsten Stück wird Benjamin Schlüter das Solo spielen!“, verkündete Irmchen stolz und Benjamin setzte sich wohl oder Übel in Bewegung. Er stellte sich auf seinen Platz, machte einen kurzen Diener, hob die Geige ans Kinn und wartete darauf, dass das Orchester einsetzte.
Da stand er, der Engel Benjamin in seinem weißen Gewand, seine Flügel bibberten, doch er biss die Zähne zusammen und setzte pünktlich ein.
„Glo-ho-ho-ho-ho-ho, ho-ho-ho-ho-ho, glo-ho-ho-ho-horia“, sang die Geige und Benjamin dachte „oh, o-o-o-o-o, mir ist alles egal, Hauptsache es klingt jetzt schön!“ Dann ließ er laufen, was nicht mehr aufzuhalten war. Die Erleichterung wirkte sich unmittelbar auf sein Geigenspiel aus. Irmchen Sander lächelte glücklich. Dieser Junge war ein besonderes Talent, das hatte sie ja immer gesagt.

Sie wunderte sich ein bisschen, dass er den Platz vorm Orchester nicht räumen wollte, aber er sollte seinen Applaus haben und ruhig stehen bleiben. Er spielte alle weiteren Stücke von dort aus mit und als sich der Vorhang endlich schloss, war er der erste Engel, der von der Bühne verschwunden war und niemand sah in mehr an diesem Abend.
Es hat ihn später auch niemand auf die Pfütze an seinem Platz angesprochen, nur Bine musste bei dem Gedanken an das glorreiche Solo noch Jahre später lachen.

© Regina Meier zu Verl

Das Bild hat eine Schülerin, Johanna, für mich gezeichnet. Foto © Regina Meier zu Verl

Neu im November 2013  „Oma und ich und die Weihnachtszeit“ von Regina Meier zu Verl und Elke Bräunling


Taschenbuch: Oma und ich und die Weihnachtszeit: Advents- und Weihnachtsgeschichten
Ebook: Oma und ich und die Weihnachtszeit

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