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Der Kamele-Stau

„Früher“, seufzte Oma, „ist es zur Weihnachtszeit viel ruhiger und besinnlicher zugegangen. Vor allem auf den Straßen.“
Sie deutete auf die Autos, die sich in einer langen Schlange vor ihnen stauten. Seit einer halben Stunde steckten sie bereits im Stau am Stadtring und Oma, die am Steuer des Wagens saß, wurde immer ungeduldiger.
„Wann früher?“, fragte Pia, die neben ihrem Bruder Pit auf dem Rücksitz saß. „Als du noch jung warst?“
Pit grinste. Gleich würde Oma sie empört ansehen und ‚Ich-bin-noch-nicht-alt‘ sagen.
Oma aber seufzte nur und trat ein, zwei, drei Mal heftig aufs Gas, was natürlich gar nichts nutzte.
„Fahrt schon weiter, ihr Kamele! Hat hier denn keiner eine Ahnung, wie man richtig Auto fährt?“, schimpfte sie.
Pit dachte an Omas Abneigung gegen die große Stadt und all den Rummel jetzt so kurz vor Weihnachten. Nur weil Mama einen wichtigen Termin hatte, war Oma eingesprungen, um mit ihnen zum Augenarzt zu fahren.
„Oma IST noch jung“, sagte er deshalb schnell und sah, wie Oma verstohlen grinste.
„Ge-nau!“ Oma nickte. „Und damit ihr es gleich wisst: Als ich noch ‚jung‘ war (sie sagte dieses ‚jung‘ laut und betont), herrschte in den Städten und auf den Straßen der gleiche Trubel vor Weihnachten wie heute auch. Alle hatten sie es immer sehr eilig.“
„Und was meinst du dann mit ‚früher‘?“, erkundigte sich Pia noch einmal.
„Die Zeit damals in Bethlehem meine ich.“ Oma drückte einmal kurz auf die Hupe, was sie auch keinen Meter weiter brachte.
„Bethlehem?“, wunderte sich Pia.
„Meinst du die Zeit, in der Maria und Josef ein Zimmer suchten?“, fragte Pit.
„Klar. Sie waren schließlich lange unterwegs gewesen. Durchs ganze Land sind sie gegangen.“
„Zu Fuß?“
Pit nickte. „Zu Fuß. Und sie hatten einen Esel für Maria.“
Auch Oma nickte. „Eine anstrengende Art des Reisens war es gewiss. Aber auch eine ruhigere.“
Pit grinste. „Klar. Autos gab es nicht und so auch keine stressigen Autostaus. Logo?“
Pia aber schüttelte den Kopf. „So weit zu Fuß unterwegs zu sein ist megastressig. Und in Bethlehem war damals auch ganz schön ‚was los“, erklärte sie. „Gestern haben wir darüber in der Schule gesprochen. Die Leute im ganzen Land waren wegen der Volkszählung unterwegs: auf Eseln, Pferden, Karren und sogar auf Kamelen. Und deshalb gab es auch damals auf den Straßen ein ganz schönes Gedränge.“
„Ein Kamele-Stau?“ Pit lachte los. Diese Vorstellung war aber auch zu witzig.
„Klar.“ Pia nickte. „Alle, die in die Stadt kamen, suchten ein Zimmer. Vielleicht rauften sie sogar darum, weil es sooo viele Zimmer gar nicht geben konnte. Und ihre Esel und Pferde und Kamele und Karren stauten sich in den Straßen und machten einen Höllenlärm. Bestimmt war das genau so laut und nervig wie das Gehupe und Geschimpfe hier.“
„Meine kleine schlaue Pia. Wie recht du hast!“ Oma nickte Pia zu. „Was sind wir manchmal doch undankbar! Das Reisen damals war viel anstrengender und langwieriger. Wie gut es uns dagegen heute doch mit unseren Autos geht, nicht wahr?“
„Stimmt“, sagte Pit, und Pia musterte kichernd die vielen Autos ringsum in diesem Stau. Was, wenn sie Kamele wären oder Esel oder Pferde? Ganz schön komisch wäre das.

© Elke Bräunling