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Die Neujahrs-Brezel und das Glück

„Das Beste an Silvester ist die Neujahrsbrezel“, sagt Opa, als er am Silvestertag vom Einkauf zurückkommt. Er zieht eine Brezel hinter seinem Rücken hervor. Groß ist sie. Und breit. Größer und breiter als Pias Oberkörper. Ähnlich wie ein altes Posthorn sieht sie aus. Und sie duftet lecker. Hmm.
„Sie bringt Glück, wenn man geduldig ist und warten kann“, fährt Opa fort und verbirgt die Brezel mit dem lockenden Duft wieder hinter seinem Rücken. „Eine Neujahrsbrezel muss die Silvesternacht überleben.“
„Sie soll auch Glück bringen“, sagt Pit, der im letzten Jahr die Glücksnuss in seinem Brezelstück gefunden hat.
„Och!“, mault Pia. „Wenn wir bis morgen warten, schmeckt sie nicht mehr so toll frisch. Ob das nun ein Glück ist?“
Opa lacht. „Das ist Ansichtssache“, meint er. „Das Glück findet auf jeden Fall immer irgendwo und irgendwann seinen Platz.“
„Hm?“
Fragend blicken die Geschwister Opa an. Das haben sie nun nicht verstanden.
„Also mir hat die Glücksnuss kein Glück gebracht“, meint Pit und denkt an große Geschenke, ein Schulzeugnis mit Einsern, einen Tablet-Computer und an Tamara, die lieber Eric in der Schule zulächelt und nicht ihm, Pit.
„Dass du die verlorenen Schlüssel hinter der Bank bei der Bushaltestelle gefunden hast, war Glück“, widerspricht Pia.
„Und dass der Kleinlaster mit dem Reifenplatten genau einen halben Meter vor dir noch bremsen konnte, war auch ein Glück“, wirft Opa ein. „Ein sehr großes sogar. Für dich und für uns alle.“
„Oh ja!“ Pit nickt und murmelt verschämt ein „Danke, Glücksnuss!“
„Seht ihr!“, sagt Opa. „Glück ist eben eine Ansichtssache.“
Pia und Pit nicken. Nun haben sie das mit der ‚Ansichtssache‘ begriffen.
„Ich habe auch einmal auf eine Glücksnuss gebissen, als ich als Junge heimlich ein Stück von der frischen Neujahrsbrezel naschte“, sagt Opa.
„Und?“, fragt Pit. „Hast sie dir Glück gebracht?“
„Wie man’s nimmt“, sagt Opa. „Eigentlich hatte ich noch am gleichen Tag sehr viel Glück. Ich durfte nämlich Großvater zum Stammtisch ins Winzerstübchen begleiten. Und es kam noch besser: Beim Würfeln um die Neujahrsbrezeln hatte ich so viel Glück, dass ich acht große Neujahrsbrezeln gewann. Toll war das!“
„So viele Brezeln?“, staunt Pit.
„Waren die so groß wie diese hier?“, fragt Pia.
„Sie waren fast noch ein bisschen größer“, antwortete Opa mit einem schiefen Grinsen. „Wir kamen schwer beladen nach Hause … und dann durften wir unser Glück viele Tage lang genießen. Es gab Brezeln zum Frühstück, zum Mittag und zum Abendbrot. Immer nur Brezeln. Morgens mit Marmelade, mittags zur Suppe oder zum Gemüse und abends zu Butter, Wurst und Käse. Sie sollten ja nicht austrocknen oder gar verderben. Und irgendwann schmeckte das Glück nur noch langweilig nach trockenen Brezeln.“
Opa schüttelt sich, so sehr muss er an die vielen Brezeln, die alle aufgegessen werden wollten, denken.
Pia aber lacht. „Das mit dem Glück ist halt Ansichtssache“, sagt sie und insgeheim weiß sie schon jetzt, dass sie auf die Glücksnuss in Opas Neujahrsbrezel gerne verzichtet. Sehr gerne sogar.

© Elke Bräunling

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