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Leise rieselt der Schnee

Einmal beschloss das Weihnachtslied, den dunklen Adventstag ein bisschen heller zu machen.
„Leise rieselt der Schnee…“, dudelt es in der Bäckerei, als Oma Fröhlich ihr Brot kauft.
Weil Oma Fröhlich an diesem Morgen gut gelaunt ist, singt sie auf dem Heimweg „Leise rieselt der Schnee…“.
Die Leute auf der Straße blicken sie grimmig an.
„Was soll der Blödsinn? Macht sich da jemand lustig?“, brummt Herr Sauerbart.
Das Lied aber hüpft aus Oma Fröhlichs Kehle und landet auf der Brummelzunge von Herrn Sauerbart. „Leise rieselt der Schnee…“ singt es dort.
Herr Sauerbart schüttelt verwundert den Kopf, aber er kann nicht anders als weiter zu singen. Singend erreicht er die Bushaltestelle.
„Sie träumen wohl?“, murrt eine Dame und die anderen Leute ringsum nicken. 
Ja, wer singt heute noch Weihnachtslieder, noch dazu mitten am helllichten Tage?
Herr Sauerbart ist beleidigt. Eilig geht er seines Weges.
Die Leute, die auf den Bus warten, sehen ihm erstaunt hinterher. Das Lied aber kichert leise vor sich hin und schickt jedem seinen kleinen Weihnachtsgruß hinterher. Mit einem großen Satz springt es zu allen Menschen, die ihm an diesem Tag über den Weg laufen. Die Leute wundern sich, dann fangen sie an zu singen:
„Leise rieselt der Schnee“.
Nur Oma Fröhlich hat irgendwie die Melodie verloren.
Als sie aber später durch die Stadt schlendert, wundert sie sich. Überall hört sie dieses „Leise rieselt der Schnee…“, das ihr am Morgen von der Zunge gehüpft ist. Es tönt aus allen Ecken, in Geschäften und Häusern, in den Straßen und im Bus, und bis zum Abend hat fast jeder in der Stadt das Lied ein paar Mal gesungen.
Ja, und jeder hat immer wieder heimlich nach Schneewolken Ausschau gehalten. Wie schön wäre es, wenn Schnee käme zur Weihnachtszeit. Still und leise, so wie das Lied in die Kehlen der Menschen gekommen ist.

© Elke Bräunling

In der ursprünglichen längeren Fassung findest du diese Geschichte hier: Ein Lied geht um