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Als der Advent in die Ottostraße kam

Ein Haus in der Ottostraße unterschied sich von den anderen Häusern. Das Haus der Müllers. Dessen Haustür stand nämlich meist für alle Nachbarn offen und jeder wusste: „Aha, bei Müllers ist jemand zu Hause und ich bin willkommen.“
Die Leute kamen oft in das Haus mit der offenen Tür und es ging oft sehr lustig und spannend, manchmal auch nachdenklich und tröstend in Müllers Wohnküche zu. Und weil sie sich gerne hier trafen, verstanden sie einander besser als sich Leute aus anderen Straßen normalerweise verstehen.
Eines Tages musste Frau Müller für längere Zeit verreisen und in der Ottostraße waren nun wie in anderen Straßen alle Türen geschlossen. Bald begannen die Leute zu vergessen, dass sie einander aus Müllers Wohnküche kannten. Sie gingen sich aus dem Weg oder blickten zur Seite, wenn sie sich begegneten. Unfreundlich war es in der Ottostraße geworden und als Frau Müller heimkehrte, erschrak sie.
„Sie haben es nicht begriffen“, sagte sie. „Schade.“
Traurig schloss auch sie die Tür nun hinter sich zu.
Die dunkle Jahreszeit kam, und die Leute sehnten sich nach der hellen Wohnküche der Müllers. Sie träumten von Bratapfelduft und Tee, von Kerzenlicht, Napfkuchen und Gesprächen am Abend. Immer häufiger dachten sie daran und als die Adventszeit kam, sagte manch einer:
„Ach, wie schön ist es früher in unserer Straße gewesen.“
Sie waren traurig in diesen ersten Adventstagen, die Bewohner der Ottostraße.
Bei Müllers war es auch dieses Jahr gemütlich wie in immer. Dennoch fehlte etwas, und Frau Müller wünschte sich sehnlich, die Haustür wieder zu öffnen. Eines Tages buk sie einen Napfkuchen und machte die Tür langsam auf.
Doch was war das da drüben bei Bergers? Die Haustür der Bergers stand offen! Weit offen.
Da lächelte Frau Müller. Sie holte ihren Napfkuchen aus der Küche und ging mit dem Kuchenteller langsam über die Straße.

© Elke Bräunling

Eine längere Fassung dieser Geschichte findest du hier: Das Haus mit der offenen Tür