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Tom und der Engel

Tom war sauer. Ausgerechnet er sollte beim Weihnachtsspiel den Engel spielen. Mit Sternenkrone und Flügeln, mit goldenem Rauschehaar und einem albernen, weißen Nachthemd. Igitt!
In der Klasse johlten alle los: „Hoho! Tom, der Klassenteufel, spielt den Engel. Zum Totlachen ist das. Hoho.“
Tom knirschte mit den Zähnen. Nein. Er konnte diesen Engel nicht spielen.
„Das geht nicht“, rief er laut. „Es gibt keine Engel.“
Da aber tobten sie in der Klasse noch mehr.
„Feigling!“, schrieen sie. „Tom ist ein Feigling!“
Tom kochte vor Wut. Den Feigling konnte er nicht auf sich sitzen lassen.
„Dann spiele ich eben diesen blöden Engel!“, schrie er zornig und rannte aus dem Klassenzimmer.
Wütend trottete Tom nach Hause. Einen Engel spielen? Wie konnte er sich bloß davor drücken, ohne als Feigling dazustehen?
Vor lauter Grübeln achtete er nicht auf die Leute und auf die Schaufenster, er sah nicht die rote Ampel und den Bus, der seinetwegen mit kreischenden Bremsen stoppte. Dass an der Ecke eine Baustelle war, fiel ihm auch nicht auf. Wie blind stolperte er durch die Absperrung und lief weiter, vorwärts, immer geradeaus.
Doch was war das? Der Boden gab plötzlich unter seinen Füßen nach!
Erschreckt riss Tom die Augen auf und sah das tiefe Bauloch vor seinen Füßen.
„Hilfe! Hilfe!“, schrie er. Doch es war zu spät. Immer weiter rutschte er auf das Loch zu. „Hi-hi-hilfe!“
„Hast du Tomaten auf den Augen?“, fuhr ihn da plötzlich eine fremde Stimme an, und eine Faust packte ihn am Kragen.
Tom fühlte, wie er von kräftigen Armen hochgezogen wurde. Dann spürte er wieder festen Boden unter den Füßen.
„Mannomann“, fluchte die Stimme, „bist du lebensmüde?“
„Nei-ein!“, stotterte Tom mit zitternden Beinen.
„Da hast du aber einen guten Schutzengel gehabt!“, sagte eine andere Stimme vom Straßenrand her.
Einen Schutzengel? Tom sah seinen Retter zweifelnd an. Wie ein Engel sah der nicht aus mit seinen Lederklamotten. Aber er hatte kräftige Arme. Und er war rechtzeitig zur Stelle gewesen. Ob er doch ein Engel war?
Nachdenklich blickte Tom in das Bauloch, das mit schmutzigem Wasser gefüllt war. Da hatte er wirklich großes Glück gehabt. Er drehte sich um und wollte seinem Schutzengel danken, doch der war längst weiter gegangen.
Für das Weihnachtsspiel hatte sich Tom dann doch keine Ausrede ausgedacht. Mit zusammengebissenen Zähnen zog er das Nachthemd an. Auch gegen das Rauschehaar sagte er nichts, und ein bisschen Mühe beim „Seht, ich verkündige euch große Freude!“, gab er sich auch. Aber wehe, wenn einer der Zuschauer gelacht hätte, dann, ja, was dann passiert wäre, hätte auch der frömmste Engel bestimmt verstanden…😉

© Elke Bräunling

Diese Geschichte findest Du in dem Erzählband „Oma und ich und die Weihnachtszeit“ von Regina Meier zu Verl und Elke Bräunling


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