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Ein Geschenk fehlt

Mit ihrem Wichtelgeschenk hatte sich Nora eine Menge Arbeit gemacht. Zufrieden betrachtete sie ihr Werk.
„Mama, meinst du, dass Jana das Geschenk gefallen wird?“, fragte sie.
„Das glaube ich ganz sicher. Jana mag doch so gern Marzipan, da wird sie sich bestimmt über den tollen Fliegenpilz freuen, den du für sie geknetet hast. Er sieht zum Anbeißen aus!“
Nora stanzte Schneeflocken aus Silberpapier aus, dann machte sie sich daran, das Geschenk zu verpacken. Zuerst kam der Fliegenpilz, der in Folie eingepackt war, dann eine Tüte mit selbstgebackenen Plätzchen und zum Schluss wurden unzählige Schneeflocken hinzugefügt.
Eine dicke Schleife zierte das Päckchen und dann fehlte nur noch das Namensschild, das die Mutter schrieb, damit Jana die Schrift der Freundin nicht erkennen konnte.
Am nächsten Tag wurden die Wichtelgeschenke vor dem Unterricht bei der Lehrerin abgegeben. Das war ein geheimnisvolles Treiben, denn keiner der Mitschüler sollte das Geschenk des anderen sehen.
Nach der großen Pause ging es dann ans Verteilen.
„Jetzt gibt es allerdings ein Problem“, sagte Frau Winkel. „Ein Kind wird kein Geschenk bekommen, weil wir heute eine Krankmeldung haben. Die Mutter von Chris hat angerufen, er hat eine Mandelentzündung und kann nicht kommen.“
„Ach, der Arme“, riefen die Kinder und „Dann bringt er sein Geschenk eben mit, wenn er wieder in die Schule kommen kann!“
Frau Winkel nickte. sie freute sich, dass die Kinder so reagierten. Sie hatte eben eine tolle Klasse.
Die anderen Päckchen wurden einzeln verteilt und das war ein Spaß. Manche Kinder hatten Selbstgebasteltes geschenkt bekommen, andere Gebackenes. Es fanden sich viele gemalte Bilder und Fensterbilder, Weihnachtskarten mit geheimnisvollen Texten von Unbekannten und mancherlei Schnickschnack.
Dann war Jana an der Reihe auszupacken und machte einen Freudenschrei, als sie den Marzipanpilz entdeckte.
„Klasse, ich liiiiiebe Marzipan!“, rief sie.
Am Ende blieb Nora übrig, sie war die Einzige die kein Geschenk auspacken konnte und war doch ein wenig traurig darüber. Sie versuchte, sich nichts anmerken zu lassen.
Doch die anderen Kinder fanden es gar nicht schön, dass eines von ihnen nun ohne eine Gabe dastand.
„Ich bin dafür, dass jeder von uns eine Kleinigkeit an Nora abgibt“, rief Ersin und machte gleich den Anfang. Zwei dicke Walnüsse legte er auf Noras Platz. Ein Schokoriegel kam von Maria, fünf Smarties von Tine, ein Teelicht mit Goldsternchen von Henry. Zum Schluss hatte Nora so viele kleine Geschenke, dass sie vor Freude ein Tränchen verdrückte.
„Beiß den Kopf ab!“, ordnete Jana an und hielt ihr den Fliegenpilz hin. „Ich esse dann den Rest!“
Sie verstand gar nicht, dass Nora sich vor Lachen kaum halten konnte. Diese biss vom Pilz aber nur ein ganz kleines Stückchen ab.
„Danke, der Rest ist für dich!“, sagte sie und Jana ließ es sich schmecken.
„Willste wirklich nichts mehr?“, fragte sie mit vollem Mund und schmatzte dabei laut.
Nora schüttelte den Kopf. Sie war glücklich, dass die Kinder mit ihr geteilt hatten und dass sich Jana so über ihr Geschenk gefreut hatte.
Was Schöneres konnte es doch nicht geben.

© Regina Meier zu Verl


So viele Geschenke und doch eines zu wenig … Foto © Regina Meier zu Verl