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Ein Weihnachtsbaum für Jule und Jan

Jule und Jan wünschten sich einen Weihnachtsbaum mit Kerzen, Sternen, Engelsfiguren, Glöckchen und Lametta. Noch nie hatten sie so einen Baum gehabt. Mama mochte Weihnachten nämlich nicht leiden, seit Papa fortgezogen war. Das Weihnachtsfest verbrachten die Geschwister mit Mama immer irgendwo im Süden, wo es so warm war, dass man im Meer baden konnte.
„Ich möchte auch einmal wie meine Freunde Weihnachten feiern“, sagte Jan oft, und Jule nickte. „Wie in den Bilderbüchern.“
Mama aber wollte davon nichts hören, und Jahr für Jahr stiegen sie zu Ferienbeginn ins Flugzeug, das sie weit weg von Weihnachten und den Feiern rund um das Fest brachte.
Dieses Mal aber verstauchte sich Mama kurz vor der Abreise den Fuß. So lag sie mit einem dicken Verband und schlechter Laune auf dem Sofa und schimpfte.
Jule und Jan wussten nicht, was sie dazu am besten sagen sollten. Das mit dem kranken Fuß war eine schlimme Sache. Trotzdem waren sie darüber nicht ganz so traurig. Nun würden sie nämlich an Weihnachten endlich wieder einmal zu Hause sein. Toll!
„Eigentlich ist Mamas Pech ein kleines Glück“, flüsterte Jule. „Jetzt können wir auch einmal richtig Weihnachten feiern.“
Und beide freuten sich – heimlich natürlich – wie die Schneekönige. Sie nahmen sich vor, für Mama ein tolles Fest vorzubereiten mit Oma, Opa und einem Weihnachtsbaum. Vielleicht würde sich Mama dann doch ein bisschen freuen?
Noch am gleichen Tag kauften sie von ihrem Taschengeld eine Weihnachtstanne. Die war so teuer, dass nur noch Geld für ein Päckchen roter Kerzen, nicht aber für Lametta, Kugeln, Goldsterne und Silberglöckchen übrig blieb.
„Bloß Kerzen ist langweilig“, sagte Jule. „Ich möchte gerne einen besonders weihnachtlichen Weihnachtsbaum haben.“
„Kein Problem“, meinte Jan. „Den Schmuck für unseren Baum basteln wir selbst. Du die Sterne und ich das Lametta.“
Er wühlte im Schrank nach Alufolie und Plastik-Trinkhalmen.
„Da“, sagte er und reichte Jule die Trinkhalme. „Daraus klebst du Sterne. Ist ganz einfach.“
Jule starrte auf die pink-grün-gelb-lila-gestreiften Plastikhalme. „Das gibt aber doofe Sterne. Und zu den roten Kerzen passen sie auch nicht.“
„Besser doof als gar nichts“, meinte Jan und begann, aus der Folie Lamettafäden zu schneiden. Das war gar nicht einfach, und Jans Lametta ähnelte dicken, krummen Silberwürsten. Jules Trinkhalmsterne gelangen auch nicht besser. Wie Sterne sahen sie nicht aus.
„So ein dummer Kram!“, heulte Jule auf.
Auch Jan war knurrig wegen seiner Lamettawürste. Und so schimpften sie beide und vergaßen vor lauter Ärger, leise zu sein.
Auf einmal kam Mama in die Küche gehumpelt.
„Was treibt ihr denn da?“, fragte sie und ihre Augen funkelten.
„Wi-wir basteln“, stotterten die Geschwister.
„Basteln? Was denn?“
„D-d-das…“ Jule wusste nicht, was sie sagen sollte.
„Es ist eine Überraschung“, sagte Jan und versteckte schnell seine Lamettawürste.
„Plastikhalme und Alufolie?“, fragte Mama entsetzt. „Das ist ja Sondermüll!“
Sie beäugte die Basteleien mit einem scharfem Blick. Dann seufzte sie. Und wie sie seufzte! Tief und lange.
„Also gut“, sagte sie nach einem besonders tiefen Seufzer. „Ihr sollt euren Weihnachtsbaum haben. Aber nicht mit diesem Giftzeugs.“
Sie nahm den Einkaufsblock und notierte: „Wir brauchen Strohhalme und Tannenzapfen, – aber echte! -, und Glaskugeln zum Bemalen. Daraus basteln wir den Schmuck für unseren Baum. Einverstanden?“
„Einverstanden!“, schrien Jule und Jan wie aus einem Mund. Lachend umarmten sie ihre Mutter und tanzten einen Freudentanz.
Auch Mama schien sich ein bisschen zu freuen. Sie lachte nämlich auch.
„Und wo bekommen wir einen Baum her?“, fragte sie dann und deutete auf ihren kranken Fuß. „Damit können wir nicht zum Marktplatz gehen und einen Baum kaufen.“
Da mussten Jule und Jan wieder lachen. „Haben wir schon! Haben wir schon!“, jubelten sie, und Mama grinste und sagte:
„Ihr kleinen Verschwörer!“
Jule und Jan aber waren glücklich. Sie freuten sich. Nun würde es doch ein richtiges Weihnachtsfest werden. Wie in den Bilderbuchgeschichten. Nein, noch schöner.

© Elke Bräunling