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Als der Winter die Schneemänner suchte

Der Winter war sauer. Mit wütigem Grummeln brauste er durch die Straßen der Städte und Dörfer.
„Hey, wo seid ihr?“, rief er und zog weiter, immer weiter. „Warum antwortet ihr mir nicht?“
Doch er begegnete ihnen nur ganz selten. Fast ein wenig traurig war er schließlich. Hatte er doch so achtsam die Wünsche und Träume der Kinder belauscht und für einen tollen Winter gesorgt! Wurde ihm das nun so gedankt?
„Wofür habe ich mich abgerackert?“ Der Winter kämpfte fast ein bisschen gegen die Tränen. „Ich sehe sie nicht. Wo stecken sie nur?“
„Wen siehst du nicht?“, fragte der Frühling, der, in einen weißen Mantel mit grünen Tupfern gehüllt, bereits in sonnigen Ecken lauerte.
„Die Schneemänner!“, knurrte der Winter. „Es gibt keine Schneemänner mehr. Seit Wochen halte ich nach ihnen Ausschau.“
Der Frühling kicherte. „Die sind doch schon längst nach Norden gewandert und halten dort in Eishöhlen versteckt ihren Frühlings-Sommer-Herbst-Schlaf. Wusstest du das nicht?“
Der Winter wunderte sich ein wenig. „So früh schon?“, fragte er. „Es ist doch noch Winter. Oder?“
„Aber nicht mehr lange“, sagte der Frühling schnell. „Ich glaube, ihnen war langweilig. Zu viel Weiß in diesem Jahr. Winter, du hast es zu gut mit den Menschen gemeint und ihnen zu viele deiner kostbaren Schneeflocken geschenkt.“
„Wirklich?“, fragte der Winter. Er dachte nach. „Na, wenn du meinst.“
Er winkte den dicken grauen Schneewolken, die sich über ihm am Himmel türmten, hinauf.
„Wir brechen die ‚Aktion Winter’ ab, äh, ich meine, wir brechen auf nach Norden. Schließlich haben wir genug gearbeitet in diesem Winter. Und den Menschen, ja, den kann man es sowieso nie recht machen.“
„Fein. Fein.“ Der Frühling rieb sich die Hände. Er lachte und winkte dem Winter, der sich nun schleunigst und frühjahrsmüde und eigentlich viel zu früh davonmachte, hinterher.

© Elke Bräunling

Winterende am Fluss, Foto © Andrea Oberdorfer