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Das Wintertheater beginnt

Opa Meiers Laune ist heute grau. Sie ist wie das Wetter dieses Frühwintertages: weiß-schwarz, hell-dunkel, sonnig-schattig, warm-kalt, wundervoll-grässlich …
Gegensätze. Das Leben besteht daraus. Und der Tag heute scheint von diesen Gegensätzen besonders geprägt zu sein. Die wärmende Sonne des späten Herbstes hat sich über Nacht verabschiedet und einer trüben, feuchten Kühle Platz gemacht. Die gute Laune scheint sie mitgenommen zu haben. Griesgrämig sind die Mienen der Menschen. Übellaunig. Unfroh. Jeder blafft jeden an, man sieht auch Tränen.
„Das Wintertheater beginnt“, murmelt Opa Meier. „Man muss sich daran gewöhnen.“
Und wie immer, wenn er seine gute Laune vermisst, ist Opa Meier in den Wald gegangen. Düster ist es auch hier, kühl und nass. Nebelschwaden umschmiegen Bäume und Büsche. Es ist, als wollten sie sie wie Schleier vor diesem unwirtlichen Tag schützen.
Opa Meier steht oben am Berg und schnauft. Der Aufstieg ist ihm schwerer gefallen als sonst. Erschöpft lehnt er sich an den Stamm einer verkrüppelten Eiche, die hier über dem alten Steinbruch ein karges Dasein fristet. Er blickt in die fahlbraune Baumkrone und lauscht dem Gesang der wenigen Blätter, die von der Macht der Herbststürme verschont geblieben sind. Deren Stimmen klingen hart und rau. Wenn sie im Wind einander berühren, klackert es leise. Klack, klack! Der Herbst hat sie gehärtet, die Sonne hat sie ausgetrocknet. Sie flüstern nicht mehr im Wind, sie klackern.
„Die Blättermelodie des späten Herbstes“, murmelt Opa Meier, und irgendwie gefällt ihm dieses ‘Klack, klack!’.
Er fühlt sich besser nun und ruhiger und er spürt, wie sich die schlechte Laune verabschiedet.
“Die Winterzeit ist auch schön”, klackern die Blätter ihm zu.
Opa Meier nickt. Er denkt an den wärmenden Eintopf, der auf dem Herd schmurgelt, an gebratene Steinpilze mit Petersilie und frischem, noch warmen Schwarzbrot, an Pfefferminztee und Apfelkuchen mit Zimt, an Honigkerzen und Kaminfeuer, an zart wirbelnde Schneeflocken und die leise Musik des nahenden Winters … und er fängt an, sich zu freuen.
“Ihr habt recht”, ruft er zu den Blättern hinauf.
Die erröten im Schein eines flüchtigen Sonnenstrahls und lächeln ihm in ihrem gelb-rost-rot-braunen Gewand für einen kurzen Moment zu.
“Bald!”, raunen sie ihm mit einem Klackern, das wie ein Lachen klingt, zu. „Der Schnee, er kommt bald.“
“Na, dann”, sagt Opa Meier und lacht auch. “Bis bald. Und ich, ich komme wieder.”
Und mit einem freundlichen Gefühl der Vorfreude macht er sich auf den Heimweg, der heimischen Wärme und Gemütlichkeit entgegen.

© Elke Bräunling

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