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Lebkuchen im September

„Herrje“, rief Frau Burgmann, als sie im Supermarkt vor den frisch gefüllten Regalen stand. „Lebkuchen zu Herbstbeginn? Die fangen aber wirklich immer früher an mit diesem Unsinn. Ob das noch Freude bringen kann?“
Und wie so oft in der letzten Zeit dachte sie zurück an die Zeit, in der sie ein Kind war. Sie fand nicht, dass alles besser gewesen war damals, aber anders war es. Besonders für die Kinder. War es denn schön, wenn man schon im September Dominosteine, Lebkuchenherzen und Printen naschen konnte? Dann war das alles an Weihnachten ja gar keine Besonderheit mehr.
Oh, wie sehr hatten sie sich früher gefreut, wenn ihre Großmutter den ersten Backtag ankündigte. Das war immer am Buß- und Bettag gewesen. Sie wusste es noch genau. Die ganze Familie war zum Kaffeetisch versammelt und Großmutter hatte dann beiläufig das lang ersehnte „am Freitag fange ich an zu backen“ verkündet. Groß war da die Freude.
„Du bist aber früh dran“, pflegte ihre Mutter dann zu sagen. „Vor dem ersten Advent werde ich zum Backen keine Zeit finden.“ Und die Großmutter erklärte eifrig, dass es für die Lebkuchen und Pfeffernüsse und auch für den Stollen sogar schon höchste Zeit war. Diese Gebäckstücke mussten nämlich reifen. Ja, reifen. Genauso hatte sie es gesagt.
„Ich sollte es machen wie Großmutter“, überlegte sie. „An dem Wochenende, das dem Buß- und Bettag folgt, werde ich mit den Kindern backen.“
Frau Burgmann freute sich. Das war eine feine Idee! Sie würden den Enkelkindern die alten Geschichten erzählen und sie sollten alle beim Formen und Ausstechen helfen. Und vielleicht würden sie sich auf diesen Backtag dann mehr freuen als auf diese September-Lebkuchen.
Ja, genau so würde sie es tun. Lust auf ein Späßchen aber verspürte sie gerade auch.
Sie grinste. Dann griff sie in das Regal und legte eine Packung Lebkuchen und eine Tüte Dominosteine in den Einkaufswagen. Dann ging sie weiter und kaufte Zwetschgen und Äpfel und Quark für zwei leckere Herbstkuchen, Sahne und aus der Eistheke das Lieblingseis der Kinder. Ha, die würden staunen, wenn sie sie am Sonntag nach dem Herbstmarkt besuchten! Auf den gedeckten Tisch würde sie für den Anfang eine Schüssel mit Lebkuchen und Dominosteinen und daneben ein paar stimmungsvolle Kerzen stellen. Auf die entsetzten Gesichter der Kinder freute sie sich schon jetzt.
„Weihnachten im September?“, würden sie sagen und Martin, ihr Sohn, würde sie misstrauisch ansehen und „Fühlst du dich auch wirklich wohl, Mutter?“ fragen.

© Elke Bräunling & Regina Meier zu Verl