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Als der kleine Engel einen Nachtbesuch machte

Eines Tages wachte ein kleiner Engel nach einem weiten Sternenflug in einem Menschenzimmer auf. Es war Nacht und der Raum wurde von draußen nur schwach vom Licht der Straßenlaterne erhellt. Das Engelchen konnte im Raum die Silhouetten eines Schrankes, eines Tisches und eines Bettes wahrnehmen. Ein Menschenkind lag im Bett und schlief.
Entzückt betrachtete das Engelchen das Kind. Wie friedlich es da lag! Die geschlossenen Augen waren von einem dichten Wimperkränzchen umrahmt und seine Wangen hatten eine rosige Farbe. In seinen Armen hielt es fest gedrückt eine Puppe aus buntem Stoff. Eine Puppe, die wie ein fröhlicher, kleiner Engel aussah.
Das freute den kleinen Engel sehr. Die kleinen Menschlein liebte es nämlich am meisten. Sie konnten sich noch richtig freuen, und wenn sie lachten, klang Ehrlichkeit in diesem Lachen mit. Ehrlichkeit und Liebe und tiefes Vertrauen. Alles Eigenschaften, die es bei den erwachsenen Menschen viel zu oft vermisste.
Das Engelchen verspürte große Lust, das Kind zu wecken, wusste aber, dass es das nicht durfte.
„Ich könnte ein wenig pusten, oder ganz leise singen!“, dachte es. Das konnte doch nicht verboten sein und außerdem würde es auch niemand merken.
Und da pustete es und sang es. Die ganze Nacht lang. Mit lieblich heller Engelsstimme sang es alle Lieder, die es im großen Himmelschor für das große Fest gelernt und geprobt hatte.
Das Kind wachte nicht auf. Es lächelte selig im Schlaf. Am Morgen aber sagte es zu seiner Mutter:
„Ein warmer Wind hat mich im Schlaf gestreichelt und ein Engel hat dazu gesungen. Das klang so wunderbar!“
„Das hast du bestimmt geträumt“, sagte die Mutter und sie lächelte.
„Ja! Bestimmt“, sagte das Kind. Es wusste, dass man so etwas Schönes nicht erklären konnte, man musste es für sich behalten, ganz tief im Herzen.

© Elke Bräunling & Regina Meier zu Verl