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Der kleine Engel und das große Geheimnis

„Ich möchte aber nicht schon wieder in die Backwerkstatt geschickt werden“, sagte der vorwitzige kleine Engel, als alle für die Weihnachtsarbeiten eingeteilt wurden. „Ich möchte auch einmal etwas erleben und nicht immer nur Plätzchen ausstechen. Das ist öde.“
„Plätzchen sind wichtig für das Fest, sehr wichtig sogar“, antwortete die Engelsfee. „Nicht nur für die Menschen.“
„Für wen noch?“, fragte der kleine Engel.
Die Engelsfee aber lächelte nur. „Das … das ist ein großes Geheimnis. Das Geheimnis der Weihnacht.“
„Und wenn ich helfe, die Plätzchen zu backen und auszustechen, dann …“ Der kleine Engel war pötzlich ganz aufgeregt. „Dann bin auch ich ein Teil des großen Geheimnisses?“
„Genau so ist es. Du bist ein kluger Engel.“ Die Fee war stolz auf ihre Engelschar. „Du wirst eines Tages erkennen, worin das Geheimnis liegt. So lange hilfst du in der Backwerkstatt, nicht wahr?“
Der kleine Engel nickte eifrig. „Ehrensache!“, antwortete er.
„Eine Ehrensache ist es“, sagte er auch zu seinen Freunden, den Engelchen, Sternchen, Wichteln, Himmelsfeen und Wetterelfen, „am großen Geheimnis mitzuwirken, auch wenn man es nicht kennt, weil es ein Geheimnis ist. Versteht ihr?“
Nein, seine Freunde verstanden es nicht. Wie sollte man auch verstehen, was man nicht kannte.
„So ist das mit Geheimnissen“, sagte der kleine Engel. „Irgendwann werden auch wir es kennen lernen. Dann nämlich, wenn wir es zu begreifen vermögen.“
Und während er nun in den nächsten Tagen und Wochen und Monaten Plätzchen um Plätzchen um Plätzchen ausstach, dachte er viel nach. Was konnte es sein und wo konnte es sein, dieses eine große Geheimnis. Wenn er sich von seiner Arbeit ausruhte und durch die Wolkendecke auf die Erde schaute, sah er die Menschen und beobachtete sie. Eltern, die zur Arbeit gingen, Mütter, die ihre Kinder versorgten, Väter, die mit ihren Sprösslingen spielten und Großeltern, die vorlasen. Er sah glückliche Menschen und traurige. Tiere, die den Menschen als Freunde zur Seite standen und wieder andere, die in Tierheimen auf eine Familie warteten. Oft trieb es dem kleinen Engel die Tränen in die Augen, wenn das Schicksal mit den Erdbewohnern nicht immer gnädig umging. Gerne hätte er dann auch geholfen, und das tat er auch, ohne es zu wissen. Jede seiner Tränen nämlich, die auf die Erde fiel, ähnelte einer Sternschnuppe. Die landete mit all ihrem Glanz bei einem Menschen, der gerade ein bisschen Trost und die Hilfe eines kleinen Engels gebrauchen konnte, und das war gut so.
Und so tat jeder das, wozu er berufen war und wozu er Verantwortung übernehmen konnte. Der kleine Engel gab auch in diesem Jahr in der Backwerkstatt sein Bestes. So fühlte es sich richtig an. Wichtig war, dass er – wie die anderen Engel auch – von seinem Platz aus die Menschen beobachten und ihnen zur Seite stehen konnte, wenn das Schicksal nach ihm rief. Denn er war ein Engel und jeder sollte einen Engel an seiner Seite haben. Das war das ganze Geheimnis.

© Elke Bräunling & Regina Meier zu Verl