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Die Kerze, die nicht brennen wollte

„Nein“, sagte die honiggelbe Kerze am Adventskranz, als sich ihr eine Hand mit einem brennenden Streichholz näherte. „Ich will nicht brennen. Feuer zerstört uns Kerzen.“ Und sie sorgte dafür, dass ihr Docht das Feuer nicht annahm.
„Autsch“, schrie eine Menschenstimme, als das Streichholz abgebrannt war. „Nun habe ich mich verbrannt.“
Eine zweite Flamme näherte sich der Kerze.
„Ich bin honiggelb und möchte es auch zu bleiben“, rief die Kerze.
Das Streichholz verglomm und die Menschenstimme heulte wieder auf.
Schon flammte ein drittes Streichholz auf. Nichts. Wie durch ein Wunder blieb der Docht unversehrt. Kein Adventslicht erhellte den Raum.
Die Kerze wehrte sich vier Streichholzlängen lang, bis die Menschenstimme rief:
„Autsch! Ich habe mir schon wieder die Finger verbrannt. Blöde Kerze! Mir reicht’s. Ab mit dir in den Müll!“
„Autsch!“, rief gleich darauf auch die Kerze, als sie grob gepackt und aus dem Fenster geworfen wurde. Sie landete auf der Straße direkt vor der Nase von Hund Timmi.
Der hob die Kerze auf und machte sich auf den Weg in die winterliche Laubenkolonnie. Dort saß Herr Franke in einer einsamen Hütte im Dämmerlicht und grübelte. Er war traurig, weil er vor einiger Zeit seine geliebte Frau verloren hatte.
„Oh, eine Kerze!“, rief er, als Timmi die Hütte betrat, und seine Augen strahlten. „Was für eine Überraschung! Danke, Timmi. Und danke, kleine Kerze.“
Dann zündete er mit zittrigen Fingern ein Streichholz an.
Zisch!!! Die Kerze erschrak. Aber dieses Mal wehrte sie sich nicht. Zu sehr freute sie sich über das glückliche Gesicht des Mannes.
Zisch … nahm ihr Docht die Flamme an. Ein sanftes Licht erhellte die schäbige Hütte und das leise Lächeln des Mannes.
„Siehst du, Timmi“, sagte Herr Franke, „nun ist die Weihnachtszeit auch zu uns gekommen. Es gibt sie noch, die kleinen Wunder.“

© Elke Bräunling

Eine etwas längere Fassung dieser Geschichte findest du hier: Die trotzige Adventskerze