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Weihnachten liegt in der Luft

Lenny verstand die Welt nicht mehr. Was war denn nur mit seinen Menschen los. Seit Tagen rannten sie im Haus hin und her, räumten und sortieren, rissen die Gardinen von den Fenstern, hängten sie dann wieder davor, schrubbten die Fußböden und wedelten mit einem seltsamen Besen an den Decken herum. Selbst sein Hundekörbchen hatten sie auseinandergenommen und als später wieder alle Decken und Kissen hineingelegt wurden, roch alles so seltsam.

„Oh!“, rief Mama, und noch einmal „Oh, wie riecht das gut! So frisch!“

Doch das fand Lenny gar nicht. Es duftete nicht mehr wie er selbst, ja, fast hätte er sein Lieblingskissen gar nicht mehr erkannt.

Dann wurde der kleine Tisch neben dem Fernseher auch noch weggebräumt. Das fand Lenny gar nicht mehr witzig, denn dort lag er gewöhnlich drunter, wenn die Familie versammelt war und auch die kleinen Menschen zu Besuch waren. Lenny liebte diese kleinen Menschen sehr, sie waren viel näher an ihm dran als die Großen. Aber sie waren tollpatschig und wenn er in aller Seelenruhe auf dem Teppich lag, dann stolperten sie über ihn oder sie zogen an seinen Ohren. Ihnen fiel immer etwas ein, wie sie Lenny aus der Ruhe bringen konnten. Erst neulich hatte die kleine Maila sich auf seinen Rücken gesetzt und immer „Hopp, hopp!“ gerufen.

Lenny hatte gedacht, dass das ein Befehl gewesen war und sich vorsichtig erhoben. Die Kleine war runtergefallen und hatte sofort angefangen zu kreischen, als wäre die Welt untergegangen. Ach du je, war das eine Aufregung gewesen. Mama hatte ihn böse angefahren.

„Lenny, raus, sofort!“ hatte sie gerufen und das klang wirklich sehr böse. So kannte Lenny Mama gar nicht. Tief traurig, mit hängenden Ohren, war er in die Diele gelaufen und hatte sich dort hinter einem Blumenständer versteckt. Den ganzen Nachmittag war er dort liegen geblieben und seitdem versteckte er sich stets unter dem Tisch, der da gerade aus dem Wohnzimmer getragen wurde.

Lenny beobachtete das Treiben von seinem Körbchen aus. Als nach einer Weile der Vatermensch nach Hause kam und eine Tanne ins Wohnzimmer schleppte, fiel es ihm ein. Es war wohl wieder Weihnachten, der Baum war ein sicheres Zeichen. Gleich würden sie Kugeln und Sterne an die Zweige hängen und allerlei Glitzerkram. Ja, und Lichter, viele Lichter. Und er, Lenny, würde nicht im Wohnzimmer schlafen dürfen, weil er doch im letzten Jahr an den Baum gepinkelt hatte. Wie hätte er denn wissen sollen, dass er das nicht durfte? Im Wald machte er das ja auch und da hatte noch niemand gemeckert.

Schnuppern war aber sicher erlaubt, Lenny wollte so gern wissen, wie der Baum roch. Vorsichtig verließ er sein Körbchen und schlich sich an die Tanne heran. Köstlich duftete sie, so gar nicht nach Waschmittel wie sein Körbchen. Interessant war auch, dass da wohl ein anderer Hund diesen Baum markiert haben musste. Lenny war aufgeregt. War der Kumpel möglicherweise noch in der Nähe? Und warum durfte der das und er nicht? Das war ungerecht, jawohl, sehr ungerecht!

Wie gern hätte Lenny nun seinerseits den Baum markiert und dem fremden Hund eine Nachricht hinterlassen. Er traute sich aber nicht.

„Lenny!“, rief Mama, die gerade ins Wohnzimmer kam. „Weg vom Baum! Du wirst doch wohl nicht wieder …“ Sie packte ihn am Halsband und zog ihn zu seinem Körbchen. „Platz!“, rief sie noch und dann fing sie an, die Tannenzweige zu schmücken.

Nein, Lenny würde nicht an den Baum pinkeln, er war ja nicht blöd, auch wenn seine Menschen das anscheinend dachten. Aber eines war gewiss: Sollte sich dieser fremde Hund hier sehen lassen, dann wäre was los. Das war hier seine Familie und sein Zuhause, niemand hatte hier etwas zu suchen. Lenny würde sein Reich verteidigen und seine großen und kleinen Menschen auch, die besonders.

© Regina Meier zu Verl