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Engelchen im Schweinestall

Einmal hatte sich ein Engelchen, das ein Licht bei sich trug, in den Tagen vor Weihnachten bei seinem Besuch auf der Erde verirrt. Die große Stadt mit den vielen Lichtern und den bunten Menschenbildern, die es nur zur Weihnachtszeit geben sollte, wollte es besuchen. Viel hatte es von seinen Freunden, den Sternen, schon darüber gehört und es wünschte sich sehnlichst, dieses helle Bunt auch einmal zu sehen. Aber als es nach dem großen Erdenflug die Augen öffnete, sah es keine Lichter und auch keine bunten Farben. Dunkel war es ringsum und auch ein bisschen schmutzig.
Das Engelchen rümpfte die Nase. Es roch eigenartig, dieses Schmutzige. Nach Strenge, Schärfe und … und doch nach Leben. Hm. Hm. Wo war es da nur gelandet?
Das Engelchen schnupperte und lauschte.
„Hmpf! Hmpf“, hörte es da jemanden fragen. „Einen Menschen wie dich habe ich noch nicht gesehen. Wer bist du? Hmpf! Hmpf?“
„Ich bin kein Mensch. Ich bin Engelchen“, sagte Engelchen.
„Engelchen?“, fragte das fremde Wesen, das genau so streng roch wie der schmutzige Schmutz. „Ich kenne nur Menschen, Mücken, Katzen, Kühe und Schweine. Und eines davon bin ich. Hmpf. Hmpf. Wer oder was aber nun ist ein Engelchen?“
„Ich bin weder Mensch noch Mücke noch Katze, Kuh oder Schwein. Nein, ich bin ein Gast, den nicht jeder zu sehen und noch weniger zu hören vermag, und meine Freunde sind die Sterne. Sie besuche ich oft.“
„Die Sterne sind auch oft zu Gast bei mir“, sagte das Schwein.  „Nachts, wenn die Wolken das Regnen vergessen haben, winke ich ihnen zu. Und sie winken zurück. Sie sind sehr freundlich. Selbst zu mir und ich bin nur ein Schwein.“
„Sie sind freundlich zu jedem, der ihr Licht sucht“, antwortete Engelchen. „Und das bringe ich nun auch zu dir.“
Es stellte das Licht, das es in den Händen hielt, ans Fenster des Stalles.
Das Schwein freute sich. „Sternenlicht! Wie oft habe ich von einem Licht, das auch für mich und meine Freunde im Stall hier leuchtet, geträumt“, freute sich das Schwein. „Dankeschön, kleines Engelchen. Hmpf. Hmpf.“
„Bitteschön“, antwortete Engelchen, das sich ebenfalls sehr freute. „Es war mir eine Freude, dich zu besuchen.“
Dann schwiegen sie beide. Sie blickten noch lange gemeinsam in das kleine Licht und Engelchen wusste keinen Ort, wo es in dieser Nacht lieber sein wollte als in diesem Stall, in dem es so eigenartig roch.

© Elke Bräunling