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Die Dezemberfrau

„Es ist so dunkel hier und still. Bin ich zu früh?“
Die Dezemberfrau war sich nicht sicher. Zu früheren Zeiten hatte sie die Musik der vielmehrtausend Lichter ins Land gerufen. In diesem Jahr aber wartete sie vergebens.
Was war geschehen? Kein einziges Licht sah sie und sie hörte auch keine Lieder, nicht einmal den Klang der Kirchenglocken konnte sie vernehmen. Hatte sie sich etwa in der Zeit geirrt? Das konnte nicht sein, auf gar keinen Fall.
„Die Zeit hat ihren Klang verloren, verschwunden scheint ihr Licht“, murmelte sie. „Das gefällt mir nicht.“
Sie griff in die Tasche ihrer Jacke und holte ein Glöckchen hervor. Damit läutete sie in alle Richtungen je drei Mal:
„Bingbing! Bingbing! Bingbing!“
Auch wenn die Glöckchen nur winzig klein waren, erreichte ihr feiner Klang alle Menschen im Land, die Großen und die Kleinen, die Alten und die Jungen. Wie ein weit hallendes Echo antworteten die Kirchenglocken und in den Fenstern der Häuser blinkten Lichter auf, eines nach dem anderen. 
„Advent, Advent!“ sangen die Sänger des Chores, die sich zu einer Probe in der alten Schule getroffen hatten.
„Ein Lichtlein brennt!“, sang das Kind, das auf dem Schoß seiner Mutter kuschelte.
„Advent?“, wunderte sich auf einmal so manch einer. „Ist es schon wieder so weit? Die Zeit rast, oh, wie sehr sie rast!“
Und die Herzen jener Menschen, die vom Eintritt des Advents überrascht wurden, schlugen etwas schneller als gewohnt. Es war noch so viel zu erledigen. Gar nicht daran denken mochte man da.
„Ich muss ihnen sagen, dass sie zur Ruhe kommen und die Zeit genießen mögen. Es ist doch die schönste Zeit im Jahr!“, murmelte die Dezemberfrau.
Sie griff in die andere Jackentasche, holte das Glas mit dem Sternenstaub heraus, häufelte etwas davon auf ihre Handfläche und pustete die kostbaren Körnchen weit ins Land hinein, wo sie sich auf Dächer und Straßen, Bäume, Felder und Wiesen legten.
„Schaut nur! Das Licht, wie schön es funkelt!“, rief ein Kind, das gerade noch traurig aus dem Fenster gestarrt hatte. Seine Augen strahlten und die Erwachsenen wischten sich ein paar Freudentränchen von den Wangen. Die Adventszeit, nun war sie auch bei ihnen angekommen. Wie schön sie doch war! Wie ruhig und still.
„Oh, dieses Funkeln, diese Ruhe, diese Stille. So lieben wir den Dezember!“, sagten sie. Dann entzündeten sie eine Kerze und stellten sie ins Fenster.
Die Dezemberfrau nickte. Sie war zufrieden. Nun konnte sie beruhigt weiter ziehen. Es gab ja auch noch so viel zu tun. Irgendwie war er halt doch ein wenig stressig, der Dezember.

© Elke Bräunling & Regina Meier zu Verl