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Manche Kinder fürchten sich vor dem Nikolaus. Wegen der Rute und weil er immer so genau über all ihre Untaten Bescheid weiß. Früher kam es schon vor, dass der Nikolaus für unartige Kinder nichts weiter als eine Rute mitbrachte. Weil er aber ein Heiliger Mann war, mussten andere den Job des Bestrafens tun. Nikolaus wurde deshalb von sehr wilden Gesellen begleitet. Und die hatten ein großes Vergnügen, Kinder zu erschrecken oder gar zu strafen. Ganz besonders unartige Kinder steckten sie sogar in einen Sack und nahmen sie für eine Weile mit. Ja, gemeine Kerle waren das.
Der Belzenickel zum Beispiel war so ein Typ. Er sah schrecklich böse aus, trug einen Schlapphut und einen Umhang mit einem Kuhkettengürtel. Er mochte Kinder so wenig leiden, dass er sie am Nikolaustag mit Knüppel, Sack und lautem Kettengerassel durch die Straßen jagte. Sehr hatten sich die Kinder vor ihm gefürchtet!
Aber keine Bange: Diese Zeiten sind vorbei. Heute sind diese Nikolausgesellen nichts weiter als lustige Spaßvögel, die mancherorts den Nikolaus auf seinem Weg durch die Nacht begleiten. Von vielen kennt man auch nur noch die Namen. Sie sind von Gegend zu Gegend verschieden. Vielleicht habt ihr von ihnen schon gehört? Es sind Knecht Ruprecht, Belzenickel, böser Klas, Pelzmärte, Rauhpelz, Nikolo, Wullewux, Klaubauf, Buttmandln, Swarter Piet, Hans Trapp, Erbsbär und viele mehr.

Hier nun lernst du einen dieser „bösen“ Nikolausgesellen kennen. Es ist der Belzenickel, der hier im südwestdeutschen Raum bekannt und gefürchtet ist, nein, war.😉

Nikolaustag im Wald

Der Tag vor Nikolaus war ein kalter, grauer Nebeltag. Wir waren sauer. Warum musste es ausgerechnet heute so neblig sein?
„Sollen wir etwa bei Nebel auf den Hollerberg gehen?“, fragte Lena entsetzt. „Uih, das wird grausig!“
Ich fühlte mich bei diesem dem Gedanken auch nicht sehr wohl. Und dabei hatte ich mich schon so sehr auf diesen Tag gefreut!
Bei uns gibt es nämlich eine schöne Sitte: Am Tag vor Nikolaus wandern alle Kinder mit Laternen auf den Hollerberg. Dort oben, heißt es, wohnt der Belzenickel mit seinen Zwergen Grasmück, Borzel, Wurzelsepp, Hans-Kaspar, Gaierschawel und Schaiergawel in der Höhle bei den roten Felsen.
Der Belzenickel ist, wie Knecht Ruprecht, ein Gehilfe des Nikolaus‘, und früher war er gar nicht nett zu Kindern. Da hatte er sie mit Knüppel und Sack durch die Straßen gejagt. Und grausig böse ausgesehen hatte er in dem dunklen Umhang, dem Kettengürtel und dem Schlapphut über seinem Gesicht! Vor diesem Kerl hätte ich mich auch gefürchtet. Heute aber, sagen die Kinder, soll er sehr nett sein, und deshalb besuchen sie ihn jedes Jahr auf dem Hollerberg.
Es ist ein weiter Weg da hinauf, und das letzte Stück ist so steil, dass er ‚Himmelsleiter’ heißt. Man meint nämlich, der Weg führe schnurstracks in den Himmel.
Wir freuten uns sehr auf diese Wanderung. Wenn nur der Nebel nicht wäre! Doch als es dämmerte, nahmen wir unseren ganzen Mut zusammen und gingen zum Dorfplatz, wo wir uns mit den anderen Kindern trafen.
Schön sah es aus, wie wir da standen auf dem Platz neben der Weihnachtstanne mit ihren Lichtern. Unsere Laternen leuchteten genauso funkelhell. Singend marschierten wir los. Unsere Lieder hallten durch die Nebelwelt. Die Laternen funkelten. Es war, als blitzten Lichter wie Feuerfunken über die Wiese. Später, im Wald, glimmerte es rings um uns herum, als spielten die Lichter zwischen den Bäumen Verstecken. Das sah gespenstisch aus. Trotzdem fühlte ich mich so wohl, dass es fast weh tat. Stundenlang hätte ich so weiter laufen können.
Dann kamen wir zur ‚Himmelsleiter’. Puh, war die steil! Im Gänsemarsch stiegen wir den Pfad hinauf, und es schien, als würde er nie enden.
„Schiebkaline, alte gute Dampfmaschine“, rief plötzlich jemand.
„Schiebkaline, alte gute Dampfmaschine“, riefen wir alle. Wir riefen und sangen und schoben und prusteten, und auf einmal waren wir oben.
Neblig düster und riesengroß ragten die roten Felsen vor uns auf. Es war richtig unheimlich, und ich fasste nach Lenas Hand. Andere Kinder riefen „Uuuh“ und „Oooh“ und graulten sich auch.
„Hihihihihiiii…“, hallte es plötzlich zwischen den Felsen. „Belzenickel, sieh nur, hier, nette Gäste wollen zu dir.“
Es wurde hell, und kleine Gestalten mit roten Mützen und weißen Bärten krochen hinter den Felsen hervor und winkten uns.
„Das sind die Zwerge“, flüsterten die Kinder.
„Oh, sind die niedlich!“
„Seht, sie winken uns zu!“ Vorsichtig machten wir ein paar Schritte auf die Zwerge zu.
Der kleinste der Zwerge, der Hans-Kaspar, rief wieder: „Belzenickel, komm heraus. Kinder stehen vor deinem Haus.“
„Ja“, riefen wir, „Belzenickel, komm heraus!“
Da donnerte eine tiefe Stimme hinter den Felsen hervor: „Nette Gäste heute hier? Sagt, was wollen sie von mir?“
Und der Zwerg antwortete: „Belzenickel, sei gescheit, wieder ist es an der Zeit. Es ist Nikolaustag heut. Zum Feiern kommen all die Leut‘.“
Der Belzenickel konnte das nicht glauben. Vielleicht war er noch zu müde von seinem Höhlenschlaf. Immer wieder fragte er nach, ob wirklich Nikolaustag war. Und dass wir ihn besuchen wollten, glaubte er auch nicht. Die Zwerge riefen und lockten, und der Belzenickel stellte immer neue Fragen.
So ging das eine Weile. Die armen Zwerge waren schon ganz heiser, so sehr mussten sie nach dem Belzenickel rufen. Doch der kam nicht.
„Schade“, sagten wir.
„Er denkt, wir wollen ihn foppen“, rief Zwerg Wurzelsepp.
„Hihi“, kicherte Geierschnawel, „das haben wir schon öfter getan.“
„Und nun glaubt er uns nichts mehr“, ergänzte Schaiergawel.
„Ihr müsst ihn rufen“, sagte Hans-Kaspar.
„Ja“, rief Borzel, „und ein Lied müsst ihr ihm singen.“
„Und ein Laternentanz würde ihm auch gefallen“, meinte Grasmück.
Also riefen wir: „Belzenickel, komm heraus!“ und sangen „Nikolaus ist ein guter Mann“ und tanzten mit unseren Laternen im Kreis herum.
„Ist Belzenickel auch ein guter Mann?“, dröhnte da die laute Belzenickelstimme.
„Jaaa!“, riefen die Zwerge.
„Jaaa!“, riefen auch wir und sangen: „Belzenickel ist ein guter Mann…“
„So ist’s gut“, sagte der Belzenickel, und auf einmal stand er da und lachte. „Das habt ihr gut gemacht. Und wisst ihr, ich habe natürlich nicht vergessen, dass ihr mich heute besuchen kommt. Doch ich wollte diese Lausezwerge auch einmal foppen. Haha!“
„Hahaaaa!“, machten die Zwerge, und das klang sehr beleidigt, dieses ‚Hahaaaa!’.
Da mussten wir so lachen, dass den Zwergen nichts anderes übrig blieb als mitzulachen.
Später erzählte uns der Belzenickel die Geschichte vom echten Nikolaus, und jedes Kind bekam einen Lebkuchenmann geschenkt. Dann machten wir uns auf den Heimweg, und der Belzenickel begleitete uns mit seinen Zwergen. Er wollte nämlich bei Bäcker Hansmann neue Lebkuchenmänner bestellen. Aber ehrlich, irgendwie hatte der Belzenickel die gleiche Stimme und die gleiche Nase wie Bäcker Hansemann! Egal. Es war meine schönste Nikolausfeier, und den Lebkuchenmann würde ich mir aufheben – auch wenn er noch so lecker roch.

© Elke Bräunling

Aus dem Buch: WALDGESCHICHTEN

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