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Oma, die Schlittschuhe und die Liebe

„Wir hatten ja damals gar nichts!“, sagte Oma im Brustton der Überzeugung, als Pia ihr erzählte, dass sie sich zu Weihnachten Schlittschuhe wünschte.
„Das ist unnützes Gedöns, braucht kein Mensch!“, fügte Oma noch hinzu und schüttelte ärgerlich den Kopf. Pia konnte gar nicht verstehen, was Oma so ärgerlich machte. Sie wollte doch einfach nur ein Paar Schlittschuhe haben, das war nicht einmal ein außergewöhnlicher Wunsch. Alle in der Klasse hatten welche und die Eisbahn hatte schon längst wieder geöffnet. Pia wollte doch auch so gern eigene Schlittschuhe haben und nicht immer welche ausleihen müssen.
„Mutter, das stimmt ja gar nicht!“, behauptete Mama jetzt. Pia horchte auf. Eigentlich log Oma ja nicht, aber in letzter Zeit vergaß sie viel, das wusste Pia.
„Du hast mir selbst erzählt, dass ihr, als du ein junges Mädchen warst, immer zum Ententeich gegangen seid, wenn der zugefroren war!“, sagte Mama.
Oma schwieg. Sie dachte nach. „So, habe ich das erzählt?“, fragte sie vorsichtig nach.
„Ja, mit Tante Edeltraud und der Nachbarstochter, wie hieß sie noch?“
„Walburga!“, kam es, wie aus der Pistole geschossen. „Ja, wir drei sind immer zum Ententeich gegangen. Viele Kinder waren dort und Onkel Heini saß oft mit seinem Akkordeon da und hat Musik für uns gemacht, damit wir auf dem Eis tanzen konnten. War das eine Freude!“
Pia lachte. „Siehst du, Oma, doch kein unnützes Gedöns!“
Oma überging diese Bemerkung gekonnt, indem sie weitererzählte: „Ich konnte sogar eine Pirouette, wie eine Eisballerina, ja das konnte ich. Lange ist es her, sehr lange!“
„Und der Onkel Heini, was spielte der für Lieder?“, wollte Pia nun wissen. „Konnte der auch das Lied aus der Eiskönigin spielen, weißt du das …“ Pia fing an zu singen. „Ich lass los, ich lass los, die Kraft sie ist grenzenlos …“
„Kenn ich nicht!“, sagte Oma. „Heini spielte alles, was ihm so in den Kopf kam. Er konnte das sehr gut. Erinnern kann ich mich aber nicht an die Lieder. Halt, doch! Eines fällt mir doch ein, es handelte von … ist ja auch egal!“
Pia lachte, Oma auch. „Schrecklich, dass ich so vergesslich geworden bin“, sagte sie, aber sie zog es vor mitzulachen, statt sich weiter darüber zu ärgern.
„Meine Schlittschuhe waren weiß und sie hatten sehr scharfe Kufen, ich konnte damit über das Eis tanzen wie ein Wirbelwind, ja, das konnte ich. Und am Abend konnten wir dann ratzen wie die Murmeltiere. Da brauchte ich noch keine Schlaftabletten!“
Oma war nun in ihrem Element. Sie erzählte und konnte gar nicht wieder aufhören. Pia genoss diese Momente sehr und prompt stellte sie die Frage nach Omas erster Liebe.
„Meinst du die allererste Liebe?“, fragte sie und grinste.
„Ja, die meine ich!“, sagte Pia erwartungsvoll.
„Na gut, wie du willst. Also: ich war noch sehr jung, vielleicht fünf Jahre alt. Meine Mutter erzählte mir abends Märchen und immer wieder ging es in diesen Märchen um hübsche Prinzessinnen und taffe Prinzen, die auf irgendeine Weise das Herz der Prinzessin eroberten. Ich habe diese Märchen sehr geliebt. Da ich ja meist zu Hause war, weißt du, ich bin nie in einen Kindergarten gegangen, war der einzige Mann, der sich in meiner Nähe befand mein Vater. Den hatte ich lieb, so wie wohl jede Tochter ihren Vater liebt. Ich hatte mir allerdings in den Kopf gesetzt, dass ich ihn eines Tages heiraten würde. Davon habe ich niemandem etwas erzählt, denn wenn man verliebt ist, dann macht man zunächst mal ein Geheimnis daraus. Keiner soll etwas davon wissen, ganz allein möchte man dieses Gefühl auskosten. Und dann war da ja auch noch meine Mutter. Sie war mit ihm verheiratet und das war natürlich ein Problem. Er würde mich nie heiraten können, weil er ja schon eine Frau hatte. Was war ich für ein einfältiges Kind!“ Oma lachte über sich selbst. Pia fand das toll, aber sie wollte nun wissen, wie Oma das Problem gelöst hatte. Irgendwann hatte sie sich ja in Opa verliebt und da war ihr Vater dann ja wohl abgeschrieben.
„Als ich merkte, dass das mit meinem Papa nichts werden würde, war ich zuerst ganz traurig. Aber dann kam ich in die Schule und plötzlich hatte ich nur noch Augen für unseren Lehrer. Ach, was war das für ein toller Mann. Das Problem: er hatte auch eine Freundin! Ich war vom Pech verfolgt!“
Pia bohrte nach: „Aber dann hast du Opa gefunden, oder?“
Omas Augen wanderten zu dem Bild, das auf dem Wohnzimmerschrank stand. Es zeigte Opa und sie bei ihrer Hochzeit.
„Ja, so war das wohl und das war ein großes Glück! Wo ist er eigentlich?“
„Hier bin ich!“ Opa hatte die ganze Zeit auf dem Sofa gesessen. Still und leise hatte er sich dort niedergelassen und gelauscht. „Sie hat mich übrigens nicht gefunden, ich habe sie gefunden!“, sagte er und lächelte.
„Also, das war so!“, legte er los. Aber Oma schnitt ihm das Wort ab. „Lass doch die alten Geschichten, das Kind langweilt sich sicher!“
Pia protestierte. „Nein, gar nicht!“ Wäre da nicht Mama gekommen und hätte zum Abendessen gerufen, dann hätte Opa ja weiter erzählt, Aber das ist dann vielleicht auch schon wieder eine ganz neue Geschichte, oder?

© Regina Meier zu Verl

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