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Stummer Weihnachtsgruß

Jemand hatte einen Weihnachtsgruß an die Zweige der Birke gehängt. Eine Handvoll kleiner, roter Christbaumkugeln und drei rote Schleifchen. Feierlich irgendwie sah das schmächtige Bäumchen in all seiner Schlichtheit aus.
Nun war das noch nichts Außergewöhnliches. In jenen Wochen vor Weihnachten hängten überall Leute Dinge an Bäume, die etwas mit Weihnachten zu tun hatten. Sie sollten erinnern, dass das Fest immer mehr in die Nähe rückte und dass es noch viel zu tun gab, um die Wünsche der Liebsten – und nicht nur deren Wünsche – zu erfüllen. Es hieß übersetzt, dass es an der Zeit war, zu reagieren und die Münzen, die in den Geldbeuteln ruhten, nun schnell und angemessen, gerne auch mehr, in die Geschäfte zu tragen. Das war auch der Grund, dass viele bunt geschmückte Bäume in den Städten mit den meisten Läden, Supermärkten und Kaufhäusern zu finden waren. Sie sollten prachtvoll sein und mit ihren Lichtern und dem freundlich bunten Schmuck das Dunkel jener Tage zum Ende des Herbstes ein wenig heller machen. Und sie sollten Käufer anlocken. Letzteres natürlich ganz besonders Sie durften aber auch schlicht und einfach nur Freude vermitteln. Jenen, die noch einen Blick für sie zu erübrigen vermochten. Es waren nicht viele. Die meisten Passanten gingen achtlos an den bunt geschmückten Bäumen vorüber. Nur wenige blieben bei ihnen stehen. Meist waren es Leute mit Kindern.
An der Birke waren immer alle Passanten vorbeigegangen. Kaum einer, der einen Blick auf sie warf. Sie war nur ein Baum unter vielen, dessen Samen zufällig hier in der Nähe des Stadtzentrums seinen Platz zum Keimen gefunden hatte. Hier zwischen zwei Mauerritzen im leeren Fenstersims der Ruine der einstigen Luftschutzbunkers. Eingezwängt zwischen zwei hohen Kaufhausgebäuden, seit Jahren von einem zerschlissenen Bauzaun halbwegs verborgen, fristete das Gebäude oder das, was von ihm übrig war, sein Schattendasein. Warum sollte man sich hier auch aufhalten? Dieser Schandfleck störte. Es war Zeit, dass er verschwand. Und mit ihm der Gedenkstein mit der Namenstafel all derer, die im letzten großen Krieg bei jenem großen Bombardement zwei Tage vor Weihnachten hier zu Tode gekommen waren. Tempi passati. Die Zeiten waren vergangen und würden auch nie wiederkehren. Heutzutage doch nicht!
Und nun hatte jemand diese Birke, die in jener toten Ecke sein Leben gefunden hatte, weihnachtlich geschmückt mit roten Kugeln und Schleifchen. Es dauerte eine Weile, bis er von den Leuten wahr genommen wurde. Aber es wurden immer mehr und immer mehr blieben auch vor ihm stehen, staunten, freuten sich. Manch einer nahm sich die Zeit, die Namen der Toten zu lesen und ihres Schicksals zu gedenken. Und auch hier werden es immer mehr und das ist gut so. Im Gedenken liegt Hoffnung … und Liebe.

© Elke Bräunling
(Geschrieben am 9.11.2016 am Jahrestage des Pogroms 1938 und der Wahl von Donald Trump zum Präsident 2016, gepostet am Tag nach dem Attentat auf den Berliner Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz)