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Das Alte und das Glück

„Ich wünsche Ihnen Glück! Und Euch auch. Und dir, mein liebes Kind, wünsche ich es. Alles Gute zum neuen Jahr und Glück! Viel Glück! Hallo, Kinder! Auch für euch alles Gute! Hört ihr? Das Glück sei bei euch!“
Sie sagt es oft an diesem Tag und sie wünscht es jedem, den sie trifft. Da ist keiner, dem sie nicht alles Gute zum Jahreswechsel, einen guten Rutsch und viel Glück im neuen Jahr wünscht. Ihr Gesicht trägt ein freundliches Lächeln, der Blick ist frei, die Augen strahlen. Es ist das Gesicht einer netten, alten Dame, die jeder im Städtchen lieben oder zumindest gut leiden sollte. Und es verhält sich auch so. Heute. Zumindest hat es den Anschein.
Die Menschen erwidern ihre guten Wünsche und auch auf ihre Gesichter stiehlt sich so etwas wie ein Lächeln. Es ist Silvester und da will man nun mal nicht so sein. Vergessen sind der Ärger, die Streitereien, die Klagen, die Gerüchte, auch die Schmerzen, die Ängste, der Kummer, das Leid. Sie alle sind Vergangenheit und gehören zum alten Jahr. Man will sie nicht mitnehmen in die neue Zeit, die in der Nacht ihren Anfang nimmt. Wozu auch? Es wäre kein gutes Omen, die Schatten ans Licht zu zerren. Die Unzufriedenheit mit dem alten Jahr möge dort auch bleiben. Mit dem neuen soll die nichts zu tun haben. Alles wird anders ab morgen. Besser, netter, einfacher, freundlicher, mutiger, fröhlicher und heller.
„Alles Gute zum neuen Jahr und viel Glück möchte ich Ihnen wünschen.“
Die alte Dame steht nun vor einer Frau, die noch älter zu sein scheint. „Glück will ich dir wünschen, viel Glück“, wiederholt sie und öffnet die geschlossene Faust. Ein Kleeblatt liegt darin. Eines mit vier Blättern.
Die Alte lacht. Es ist ein wieherndes Lachen.
„Was soll es bringen, dein Glück?“, krächzt sie. „Es ist vergänglich, wie wir es sind. Auch du und ich. Oder sag, wo ist es geblieben, das Glück, das im letzten Jahr zu meinem Abschied und zu deiner Ankunft so freigiebig unter den Leuten verteilt worden ist? Zeige es mir, falls davon noch etwas übrig geblieben ist!“
„Wir alle kommen in die Jahre. Auch wir Jahre und ebenso das Glück“, antwortet die alte Dame mit dem Kleeblatt in der Hand und im nächsten Moment sind beide Frauen wie von Zauberhand verschwunden. Sie machen Platz für eine neue und noch sehr junge Dame. Die ist schon ganz nah. Sie bringt die neue Zeit mit.

© Elke Bräunling

Aus dem neuen Buch: Omas Wintergeschichten


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