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Der Glückspilz und das Kind

Einmal fand ein Kind, das Überraschungen über alles mochte, in einem Schokolade-Überraschungsei einen unförmigen Klumpen, der aussah wie ein schmutziges Stück Knete. Fassungslos starrte das Kind auf dieses seltsame Überraschungsding. Es hatte sich nämlich so sehr eine dieser Überraschungsei-Plastikfiguren für seine Sammlung gewünscht.
„Wie gemein“, rief das Kind verärgert und warf den Klumpen an die Wand.
„Aua!“, heulte es von der Wand her.
Das Kind erschrak. Wer hatte da gerufen?
„Komm her und hebe mich von dieser dämlichen Wand herunter!“, schimpfte es da schon meckernd weiter. „Los, mach schon!“
Das Kind fühlte sich sehr unbehaglich. Zögernd näherte es sich der Wand. Aber was war das? Das Kind staunte. Ein Grinsgesicht hing da anstelle des Klumpens. Ein rundes Gesicht mit einem etwas grimmigen Grinsen.
„Moment“, rief das Kind. „Ich hole dich gleich herunter.“
Und vorsichtig löste es das Gesicht von der Wand.
„Danke“, kicherte das Gesicht. Es sah jetzt sehr freundlich aus.
„W-w-wer bist du?“, fragte das Kind.
„Hä! Du kennst mich nicht?“, quäkte das Gesicht und verwandelte sich blitzschnell in ein kleines Männchen mit einem breitkrempigen rot-weiß-getupften Hut. „Ein Glückspilz bin ich. Ein Überraschungs-Ei-Glückspilz. Und jetzt gehöre ich dir.“
„Toll!“ Das Kind klatschte erfreut in die Hände. „Habe ich jetzt viel Glück?“
Das Pilzmännchen nickte. „Soviel du willst.“
„Und ich kann mir wünschen, was ich mag?“, fragte das Kind eifrig.
„Nun…, ja…., wenn es dich glücklich macht…!“, antwortete der Glückspilz zögernd.
„Oh, dann wünsche ich mir alle Überraschungsei-Plastikfiguren, die es gibt“, rief das Kind schnell.
Noch ehe es zu Ende gesprochen hatte, prasselten Tausende kleiner bunter Plastikfiguren von der Zimmerdecke herab. Es waren so viele, daß sie das ganze Zimmer bedeckten. Auch der Flur und die anderen Zimmern waren voller Plastikfiguren, und selbst im Garten lagen welche herum. Nur mit Mühe konnte sich das Kind aus dem Plastikfigurenmeer befreien, und als der erste Schreck vorbei war, begann es sich gewaltig zu ärgern.
„So ein Quatsch“, rief es. „Ich brauche doch nicht alle Figuren auf der Welt. Von jeder Sorte eine… oder zwei vielleicht. Das genügt. Also nimm die anderen Figuren wieder zurück!“
Der Glückspilz aber schüttelte den Kopf. „Gewünscht ist gewünscht“, schnarrte er. „Die Figuren mußt du nun behalten.“
Also wühlte sich das Kind durch die Plastikberge und sammelte und sortierte und räumte erst einmal auf.
„Und was mache ich jetzt damit?“, fragte es unglücklich, denn es hatte keine Idee, was es mit den Unmengen von Plastikfiguren anfangen sollte.
„Verschenke sie!“, schlug der Glückspilz vor. „Deine Freunde und deren Freunde undsoweiter freuen sich bestimmt darüber.“
„Dann haben die aber mein Glück!“, seufzte das Kind.
Der Glückspilz kicherte. „Ich bin ja auch ein Glückspilz.“
„Und ich?“, protestierte das Kind. „Du bist mein Glückspilz. Nur für mich sollst du da sein, nicht für die anderen.“
„Andere glücklich zu machen ist auch keine schlechte Sache“, meinte der Glückspilz. „Also mir persönlich macht das sehr viel Spaß.“
Das Kind aber konnte das nicht recht begreifen. „Und ich?”, fragte es noch einmal. „Habe ich kein Glück mit dir?“
„Wenn du mich brauchst“, sagte der Glückspilz, „werde ich dir beistehen. Aber -hihi- überleg dir künftig genau, was du dir wünschst, ja, und ob du diesen Wunsch überhaupt brauchst, um glücklich zu sein.“
Darüber mußte das Kind lange Zeit nachdenken. Zunächst aber verschenkte es die vielen Plastik-Überraschungsei-Figuren und es fühlte sich gut dabei, wenn es sah, wie sehr sich die anderen Kindern freuten. Es war ein schönes Gefühl.
Den Glückspilz stellte das Kind auf seinen Schreibtisch, wo es ihn immer sehen konnte. Gewünscht hatte es sich von ihm nie mehr etwas. Manchmal aber lächelten sich die beiden zu, der Glückspilz und das Kind.

© Elke Bräunling

Diese Geschichte findest du in dem neuen Buch: Omas Wintergeschichten


Taschenbuch: Omas Wintergeschichten: Wintergeschichten und Märchen für Kinder
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