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Die Januarfrau und der erste Schnee

„Die Stille! Das Weiß! Die Zeichen meiner Tage. Ich vermisse sie. Oder bin ich zu früh?“ Auf ihrem Weg durch den Januar machte die Januarfrau auf der Krone eines Deichs Halt. Sie wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Es ist zu warm. Ich glaube, ich bin in der falschen Zeit.“
„Soll ich mal ordentlich pusten?“, fragte der Wind und peitschte seinen stürmischen Atem über das Wasser, so dass hohe Wellen aufkamen und die Luft sich abkühlte.
Die Januarfrau aber winkte ab.
„Sonst gerne. Aber nein danke. Du bist der falsche Wind. Dein Weg führt vom Westen ins Land herein und Westwind bringt selten Frost und Schnee“, antwortete sie. „Aber deine Brüder aus dem kalten Norden oder dem weiten Osten darfst du rufen.“
Der Wind antwortete mit einem leichten Wellenschaukeln und zog sich zurück.
Die Januarfrau verließ den Deich über die nächste Treppe und stieg hinunter ins Städtchen. Es dämmerte bereits. In einigen Gärten standen noch die Lichterbäume vom Weihnachtsfest. Schön sehen sie aus, aber es fehlte der Schnee. Eine große Sehnsucht überkam sie. War es zu ihrer Ankunft früher nicht anders gewesen, besser, winterlicher oder täuschte sie sich? Es hatte doch immer Schnee gegeben im Januar! Wo blieb er nur in diesem Jahr?
Ein Fenster wurde geöffnet und ein Kind streckte seinen Kopf heraus.
„Ich will jetzt endlich Schnee habe!“, rief es in den Himmel hinauf. „Hört ihr, ihr Wolken! Winter ohne Schnee ist keiner.“
Stimmt, dachte die Januarfrau. Januar ohne Schnee ist kein Januar. Was kann ich nur tun?
Da fing das Kind an zu singen: „Schneeglöckchen, Weißröckchen, wann kommt ihr geschneit …“
Leise stimmte die Januarfrau mit ein und sie fühlte sich dabei wie ein Kind, das fest darauf vertraut, dass alles, was man sich nur fest genug wünscht, in Erfüllung geht. Was für ein schönes Gefühl und was für ein feines Lied! Das musste einfach klappen.
Mit großen Augen schauten sie zum Himmel, die Januarfrau und das Kind. Eine dicke Wolke segelte vorbei, nein, sie hielt an und siehe da, einige Schneeflocken tanzten zur Erde. Wirklich!
Da lächelte die Januarfrau. „Es wird schon werden, so wie es sich immer fügt“, freute sie sich. „Das Weiß der Zeit wird dasein, im Land und in unseren Träumen.“

© Elke Bräunling & Regina Meier zu Verl