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Und es schneit doch

„Es schneit! Guck mal, es schneit!“
Aufgeregt stand Sina am Fenster und wedelte mit den Armen. „Schnee ist ja so toll!“
Ihr Bruder Stephen seufzte. Er wusste nicht, wie oft Sina in diesem Winter schon über Schnee und vom Schneien gesprochen hatten. Viel zu oft. Es nervte. Weil es nämlich einfach nicht schneien wollte. Das Wetter war zu schön. Für Wolken war am blauen Winterhimmel kein Platz. Für Schneewolken schon gar nicht. Dazu war es nämlich auch zu warm und man konnte fast meinen, der Frühling stände schon vor der Tür. Und dabei war erst Januar.
„Es schneit!“, rief Sina wieder. „Guck doch endlich mal!“
„Gleich“, brummte er. „Es ist gerade so spannend.“
„Dein Buch?“ Fast kreischte Sina auf. Na ja, es klang ein bisschen wie ein Kreischen. „Falsch! Dieser Schneezauber ist spannend. Viel spannender als dein Buch. Nun komm schon und sieh es dir an!“
„Was?“
„Die Schneeflocken. Was denn sonst?“ Sina stapfte mit den Füßen auf. „Du musst dir das ansehen! Gleich.“
Stephen verdrehte die Augen. Kleine Schwestern konnten manchmal eine Plage sein. Trotzdem blickte er jetzt von seinem Magierbuch auf, das so megaspannend war, dass er am liebsten in die Buchseiten zwischen die Worte gekrochen wäre, und linste zum Fenster hinüber. Die Sonne schien. Mit ihren Strahlen malte sie Bilder an die Wand. Schneeflocken waren keine dabei.
„Du nervst!“, schimpfte er. „Die Sonne scheint. Ich sehe ihre Strahlen. Sag mir: Wie soll es an einem himmelblauen Sonnentag schneien?“
Weil Sina darauf nichts mehr sagte, stand er aber doch auf und schlurfte zum Fenster. Bestimmt langweilte sie sich zu Tode, weil er so lange schon mit seinem Buch auf dem Bett lag und las. Hatte er Mama nicht versprochen, gut auf seine kleine Schwester aufzupassen und zu ihr nett zu sein?
„Na! Zeig mir mal deinen Schnee!“, sagte er versöhnlich.
Sina schwieg noch immer. Wie gebannt starrte sie auf die Schneekugel mit der kleinen Schneekugelstadt, die auf dem Fensterbrett stand. Die Fenster in den klizekleinen Minihäuschen waren hell erleuchtet und … es schneite, schneite, schneite.
Stephen fehlten die Worte.
„Wie … wie hast du das gemacht?“, stammelte er schließlich.
„Ich habe mir Schnee gewünscht. Nichts weiter. Und dann ist er gekommen“, flüsterte Sina. „Bin ich nun eine … Zauberin? Eine Schneezauberin?“
„Boah!“ Darauf wusste Stephen keine Antwort. Es war wie in seinem Buch. Manche Dinge passierten. Wie Träume. Oder … wie Märchen.

© Elke Bräunling