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Der kleine Bär und der schöne Schneemann

Eines sonnigen Wintertages traf der kleine Bär einen Schneemann. Groß und stattlich stand er am Waldrand und war ein ganzes Stück größer als der kleine Bär.
„Wer bist du?“, fragte der kleine Bär den fremden weißen Gesellen.
„Ein Schneemann bin ich“, antwortete der Fremde. „Kinder haben mich gebaut und die Leute sagen, ich sei der schönste Schneemann im Wald.“
Stolz reckte der Schneemann seine Möhrennase ein wenig höher. „Es fühlt sich gut an, der Schönste zu sein.“
Das konnte der kleine Bär nicht verstehen. „Ist das so wichtig?“, fragte er.
Der Schneemann nickte. „Man wird von allen bewundert.“
„Aha!“, sagte der kleine Bär, obwohl er eigentlich wenig begriff.
In diesem Augenblick streichelte ein Sonnenstrahl den Schneemann und der glänzte auf einmal wie ein funkelschöner Glitzerkristall.
„Schön“, sagte der kleine Bär. „Jetzt weiß ich, was du meinst.“
Doch die Stimme des Schneemanns klang nun nicht mehr so glücklich.
„Gar nichts weißt du“, klagte er. „Dieser gelbe Riesenstern mit zerstört meine Schönheit. Siehst du, wie ich schwitze?“
„Das ist die Sonne“, erklärte der kleine Bär. „Sie wärmt meinen Pelz und deine schöne Glitzerhaut.“
„Nein. Sie wärmt nicht“, heulte der Schneemann. „Sie zerstört mich und meine Schönheit. Sie lässt mich schwitzen und schrumpfen und … tropf, tropf, tropf werde ich immer mehr in mich zusammenfallen.
„Hm.“ Prüfend sah der kleine Bär den Schneemann an. Er wischte ein paar Wassertropfen von der Stirn des schwitzenden Schneekerls und drückte die Möhrennase, die schon gefährlich wackelte, in das Gesicht des Schneemannes.
„Du wirst wirklich immer kleiner“, murmelte er. „Ja, du schrumpfst.“
Der Schneemann heulte wieder auf. „Die Sonne ist schuld. Bald wird mich keiner mehr bewundern.“
„Oh je! Da wünsche ich dir, dass die Sonne wieder verschwindet“, murmelte der kleine Bär. „Doch nun muss ich nach Hause gehen. Morgen werde ich dich wieder besuchen.“
„Morgen“, seufzte der Schneemann, „werde ich nur noch ein Häuflein Schnee sein, das geschmolzen am Boden liegt.“
„Armer Schneemann!“ Tröstend klopfte der kleine Bär auf die schwankende Schulter des Schneemanns. „Vielleicht treffen wir uns ja im nächsten Winter wieder?“
„J-j-ja, vielleicht.“ Die Stimme des Schneemannes klang nun sehr kläglich. „Bis dann also!“
Der kleine Bär machte sich auf den Heimweg. Er musste noch lange an den schönen Schneemann denken und murmelte:
„Eigentlich ist es gar nicht schön, schön zu sein.“

© Elke Bräunling

Meine Freundin Andrea, die Waldameise, hat noch ein wenig über diese Geschichte nachgedacht und eine kleine Fortsetzung geschrieben.
Und die lautet so:

Der kleine Bär musste immerzu an den armen Schneemann denken.
„Ob er wirklich geschmolzen ist?“, ging es ihm durch den Bärenkopf.
Es liess ihm einfach keine Ruhe und so beschloss er, noch einmal zu der Stelle am Waldrand zu gehen, um nachzuschauen.
Viele Tage waren inzwischen vergangen und milde Frühlingsluft wehte über das Land. Wie der Schnee, so schmolz auch die Hoffnung des kleinen Bären mit jedem Schritt. Er wusste: Der Schneemann wird nicht mehr da sein.
Endlich war er an dem Ort angekommen, wo er einst den freundlichen kalten Mann getroffen hatte.
Was er jedoch in der zartgrünen Wiese sah, erfreute ihn sehr. Lag da tatsächlich die Möhre … pardon … die Nase des Schneemanns. Und um sie herum blühten die schönsten Schneeglöckchen.
Da wusste der kleine Bär, dass der Schneemann nie ganz verschwunden war.
© Andrea Oberdorfer