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Die fünfte Jahreszeit

Die Jahreszeiten waren sich wieder einmal nicht einig. Dieses Mal stritten sie sich darum, zu wem die Faschingszeit gehörte.
„Mir! Wem sonst?“, sagte der Winter.
Der Herbst war empört. „Das sehe ich nicht so.“
„Wie das?“, fragte der Winter barsch.
„Na ja“, nuschelte der Herbst. „Du klaust mir schon genug von meiner Zeit mit deinen Frostnächten!“
„Stimmt“, rief der Frühling mit schriller Stimme. „Auch mir machst du das Leben schwer.“
„Blödsinn“, knurrte der Winter. „Ich mache meinen Job.“
„Und wir“, schimpften Frühling und Herbst, „müssen uns unsere Arbeit von dir immer wieder kaputt machen lassen.“
„Was regt ihr euch auf?“, meinte der Sommer gelassen. „Jeder tut seine Pflicht.“
„Du hast gut reden“, knurrte der Herbst. „Dich lässt der Winter in Ruhe.“
Der Winter lachte. „Im Sommer habe ich Urlaub.“
„Ha!“, rief der Herbst empört. „Und wenn dir langweilig wird, kommst du aus deiner Sommerfrische und pfuschst mir ins Handwerk.“ Der Herbst war sehr erregt.
Auch der Frühling war wütend. „Die Menschen mögen dich gar nicht leiden“, feixte er. „Gerade zu Fasching wollen sie dich vertreiben mit ihren Masken, dem Lärm und den Schimpfliedern. Sie rufen nach mir, ja, das ist die Wahrheit, und deshalb gehört der Fasching mir.“
„Unsinn!“, brüllte der Winter. „Mir gehört der Fasching.“
„Nein, mir!“, rief der Frühling.
Der Herbst heulte auf. „Ich will auch Fasching haben.“
„Und was ist mit mir?“, erregte sich der Sommer.
Sie begannen zu streiten. Sie stritten und schimpften und warfen sich so lange böse Worte an die Köpfe, bis ihnen keine mehr einfielen.
„Was nun?“, sagten sie kleinlaut.
„Fragen wir doch die Menschen!“, schlug der Sommer vor.
Die Menschen fragen? Eine gute Idee!
Sogleich machten sich die Jahreszeiten auf den Weg.
„Welche Jahreszeit soll zu Fasching regieren?“, fragten sie die Leute auf der Straße.
„Oh“, sagte eine Dame. „Frühling wäre schön. Da würde mir die Sonne warm auf die Nase scheinen.“
„Winter ist besser“, rief ein Junge. „Schneefasching ist prima!“
„Und ich“, meinte ein Mann, „könnte mir den Herbst gut als Faschingsnarr vorstellen. Wo er sich mit seinem Nebelwetter so vorzüglich hinter einer Maske verbirgt!“
Ein Mädchen aber rief: „Toll wäre es, an Fasching in Sommerklamotten auf den Straßen herumzutoben.“
Die Jahreszeiten fragten noch viele Leute, doch jeder hatte eine andere Meinung.
Was nun?
Da trafen sie einen weisen alten Mann.
„Wie wäre es denn mit einer fünften Jahreszeit?“, schlug der vor. „So könntet ihr euch immer abwechseln.“
Eine prima Idee! Die Jahreszeiten waren begeistert.
„Gut, dass wir dich getroffen haben“, riefen sie. „Genauso werden wir es machen. Danke für deinen Rat!“
Und so kommt es, dass zu Fasching die ´Fünfte Jahreszeit´ regiert, in der es einmal frostet, regnet, stürmt oder schneit, in der auch mal die Sonne frühlings- und sommerwarm vom Himmel lacht.
Verrückt, nicht? Doch die fünfte Jahreszeit ist eben verrückt, so wie es der Fasching auch ist.

© Elke Bräunling

Aus dem Buch: Fasching, Fastnacht, Karneval


Taschenbuch:Fasching, Fastnacht, Karneval: Geschichten, Märchen, Gedichte und Lieder
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